Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Sinn auf Rädern. Markus Melchers arbeitet als "ambulanter Philosoph"; Südkurier vom 19.03.2005
Nicht wenige Menschen denken bei Philosophie an Sätze wie diesen: »Der Entwurf des eigensten Seinkönnens ist dem Faktum der Geworfenheit in das Da überantwortet.« Martin Heidegger, von dem dieser Wortverhau stammt, hat hoffentlich selber gewusst, was er damit meinte. Man könnte freilich auch den Braunschweiger Philosoph Gerhard Vollmer zu Wort kommen lassen: »Die Philosophen in Deutschland haben es versäumt, sich unentbehrlich zu machen, also zu zeigen, wozu man sie eigentlich brauchen kann.« Auch Heideggers Abstraktions-Akrobatik verankert die Philosophie nicht im Alltag.

Viel besser kann das Markus Melchers. Seit sieben Jahren bietet der 41-Jährige in Bonn einen Beratungs-Service an, den er pfiffig »Sinn auf Rädern« nennt. Ihn hat schon an der Uni geärgert, wenn Professoren ihren Studenten den Praxisbezug nicht verdeutlichen konnten, den gerade die Philosophie in sich trägt. »Philosophen reflektieren gerne über das, was schon vor tausend Jahren gedacht worden ist, ohne es auf unsere Zeit herunter zu brechen«, bemängelt Melchers. Antike Denker wie Aristoteles hätten ihre Zeitgenossen in öffentlichen Debatten oft genug verblüfft und zum Umdenken bewegt.

Melchers Kunden beschäftigt so ziemlich alles, was das Leben an Fragen aufwirft. Da würde ein Elternpaar gerne wissen, welche Werte es seinen Kindern vermitteln, ein anderes, ob es sein Kind taufen soll. Und ein Manager sucht Beistand beim Klären der Frage, ob die Dinge wirklich so sind, wie er sie sieht. Wenn Melchers meint, er könne helfen, schwingt er sich zum vereinbarten Termin auf sein Rad und besucht den Kunden zu Hause. »Ich will den Wartesaal vermeiden«, sagt Melchers. Durch das Anklopfen an einer Praxis-Tür entstünde ein hinderliches »Gefälle« zwischen Philosoph und Kunde. Schon das Bemühen, »gegen Geld zu denken«, sei heikel genug. Manchen Rat suchenden ist es lieber, beim Spazierengehen zu reden. Kein Problem: Dann wandeln Melchers und sein Klient eben am Rhein entlang. Entscheidend ist: »Philosophie findet nicht zwischen den Ohren statt, sondern dort, wo Menschen miteinander sprechen«, sagt der Sinn-Kurier.

Nach längerer Durststrecke kann Melchers vom »Sinn auf Rädern« halbwegs leben. Bei den Banken ist er seinerzeit abgeblitzt, als er ein Darlehen zur Unternehmens-Gründung wollte. Geld verdienen könne er allenfalls »mit Trommel-Kursen und Psychotherapie«, habe der Bankangestellte gemeint. »Die fördern halt nur Handwerker oder Computer-Fritzen«, sagt Melchers ernüchtert.

Feste Preise hat er nicht; sein Honorar vereinbart er frei: »Ich frage meine Kunden, was ihnen das Gespräch wert ist«, sagt der radelnde Philosoph. Um sein Konzept bekannter zu machen, veranstaltet er seit 1998 jeden Monat ein Philosophisches Café in Bonn, bei dem es um Fragen wie »Wie weiß ich, dass ich glücklich bin?« oder »Wann darf ich lügen?« geht oder auch einfach um »Gott« oder »Schicksal«. Nach der Debatte kreist der Klingelbeutel. Fast achtzig solcher Veranstaltungen gab es inzwischen, Café-Ableger in Köln und kleineren Städten bei Bonn tragen die Freude am Nachdenken weiter. Und inzwischen gibt es den Sinn-Kurier auch als Geschenk: »Denken schenken« nennt Melchers seine neue Idee und empfiehlt sie »zum Geburtstag, zum Jubiläum, zur Verblüffung.«
Nicht nur als ambulanter Philosoph und Ausrichter des Philosophischen Cafés, auch inzwischen als zweifacher Buchautor regt der Bonner seine Mitmenschen zum Nachsinnen an. Zusammen mit seinem Fach-Kollegen und Freund Thomas Ebers hat Melchers ein Buch über das Philosophieren mit Kindern geschrieben (»Wie kommen die Bäume in den Wald?«). Und auch das zweite Buch des Autoren-Gespanns verrät, dass hier Philosophen am Werk waren: Vom »Wert der Wertedebatte« heißt es - und liegt in einer orientierungslosen Quassel-Gesellschaft gut im Wind.

Was Melchers immer betont, gerade seinen Kunden gegenüber: Er sei kein Therapeut. »Heilen kann ich nicht«, sagt er. Er lehnt weitere Gespräche ab, »wenn das Problem ins Pathologische geht«, der Kunde wirr redet oder bedenklich aggressiv zu sein scheint. »Einsichtsfähig muss der Mensch zum Philosophieren schon sein«, sagt der Bonner Philosoph. Angst zu haben, dass die Menschen plötzlich keine Probleme mehr bei sich erkennen, braucht er eben so wenig wie die Psychologen-Zunft. »Die zunehmende Vereinzelung setzt viele unter wachsenden Druck«, sagt Melchers. Weder Esoterik noch immer neue Psychotherapien würden aber weiter helfen; die Psychoanalyse verlängere gar die Unmündigkeit des Menschen, da sie ihn in der Opferrolle belasse. »Die Menschen werden lernen, dass sie auf ihren Verstand zurückgreifen sollten und auch dauerhaft können«, sagt Melchers zuversichtlich. Sein Wort in Gottes Ohr - oder auch in Platos, wenn es denn hilft.
Walter Schmidt
      © Sinn auf Rädern/BelKom