Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 17.07.2019
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Abenteuer des Denkens, Bonner Illustrierte vom Oktober 2001
Es gibt viele Heilsangebote im Supermarkt der Lebenswelten. Die Philosophie ist keine da-von. Sie ist eine Schule desStaunens, in der alternative Denksysteme zur Diskussion gestellt werden, die dazu beitragen können, unseren Alltagbesser zu bewältigen. Festzustellen ist: Den meisten von uns geht es ganz gut. Und dennoch: iele werden das Gefühlnicht los, dass etwas fehlt in unserer postmodernen Lightkultur. Da hat man viel Zeit und Kraft in den Aufbau einer zukunftsorientierten Karriere investiert, einen gut bezahlten Job ergattert, nebenbei eine schicke Wohnung gefunden, inder man vielleicht sogar mit einem richtig netten Partner zusammenlebt, trotzdem will sich das Glücksgefühl nicht sorecht einstellen. Stattdessen stellt man sich die Sinnfrage. Wozu, weshalb, warum? Wo kommen wir her? Und wohin gehen wir? Wer bisher keine befriedigenden Antworten darauf gefunden hat, hat vielleicht Hilfe bei einem fernöstlichen Guru gesucht. Nun ist das mit fernöstlichen Weisheiten so eine Sache. So angesagt diese Lehren auch sein mögen, im Grunde bleiben sie fremd. Die christliche Religion böte eine Alternative, leidet in westlich orientierten Gesellschaftenallerdings unter Ansehens- und Mitgliederschwund. Auf der Suche nach neuen Wegen im Dickicht der Orientierungslosigkeit, besinnen sich neuerdings immer mehr Leute auf die abendländische Philosophie. Philosophie? Da war doch was! Mehr oder weniger bedrückt erinnert man sich an den Philosophie-Grundkurs aus der Schulzeit. Kants Kategorischer Imperativ, die Hegelsche Triade oder Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung. Bei jungen Erwachsenen liegt Philosophie derzeit im Trend. Die Philosophie-Einführungskurse der VHS verzeichnen neuerdings regen Zulauf. Dito die Vorträge, die Professor Heinz Robert Schlette alle zwei Monate im Restaurant des Beueler Rathausesanbietet. Die Bonner Philosophie-Dozenten Dr. Andrea Bencsik und Gerhard Müller wissen: "Obwohl die Fragen, die in der Philosophie verhandelt werden jeden Menschen angehen, wird fundiertes philosophisches Wissen außerhalb derUniversitäten kaum persönlich vermittelt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade Menschen, die beruflich sehr engagiert sind, ein ausgeprägtes Interesse an diesen Fragestellungen haben. Darum bieten Bencsik und Müller für jedermann Einführungsseminare im "SchauFenster" an. "Es gilt, die Grundlagen der abendländischen Philosophiegeschichte allgemeinverständlich darzustellen, um den Leuten einen Einstieg zu ermöglichen. Gemeinsam mit den Teilnehmern lesen wir ausgewählte Texte von Platon, Kant oder Nietzsche und erörtern dann in der Gruppe die Hauptthesen. Vorkenntnisse werden dabei nicht vorausgesetzt." Auf philosophische Vorkenntnisse legt auch Markus Melchers keinen Wert. Der Mitbegründer des "Philosophischen Cafés" in der Pauke und Herausgeber der Zeitschrift "ÜberSetzung", bietet sich Einzelpersonen mit seinem Service "Sinn auf Rädern" als ambulanter Philosoph an. Gegen ein Honorar von 90 Mark pro Stunde kommt der 38-jährige Bonner ins Haus. Dabei geht es zumeist weniger um Wissensvermittlung, als vielmehr darum, mit seinen Gastgebern existenzielle Fragen philosophisch zu diskutieren.Melchers geht individuell auf seine Klienten ein. Wenn er im Verlauf eines Gesprächs erfährt, dass es sich bei seinem Gegenüber um einen gläubigen Menschen handelt, kann es sein, dass er mit Augustinus oder Thomas von Aquin argumentiert. Einer Frau, die Fragen zum Thema Liebesbeziehungen hat, könnte mit Jaspers, Heidegger oder Sartregeholfen werden. Mit einem Geschäftsmann mit Stress-Erscheinungen würde Melchers die Frage diskutieren, warum er denkt, dass Fortschritt sich immer quantitativ zeigen muss oder ob sich Gewinnmaximierung nur auf die Ökonomie beziehen muss. "Es gibt allerdings kein Standardrepertoire", betont Melchers, der nebenbei auch Managerkurse zum Thema "Gewinn und Gewissen" anbietet. Melchers will Philosophie als "Abenteuer des Denkens" für den Alltag nutzbarmachen. Unter dem Titel "Wie kommen die Bäume in den Wald? Praktisches Philosophieren mit Kindern" erscheint demnächst sein erstes Buch, das er zusammen mit dem Bonner Autor Thomas Ebers geschrieben hat. Ein ganz anderes Projekt ist noch Zukunftsmusik: "In Anlehnung an Platons "Symposion" plane ich philosophische Diners, denn ich glaube,dass man bei einem gutem Essen ganz unangestrengt auch gute Gedanken entwickeln kann. Darum bin ich jetzt auf der Suche nach einem passenden Restaurant." Donka Müller

      © Sinn auf Rädern/BelKom