Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Nicht alles, was sich Kunst nennt, ist Kunst!; Blick aktuell (Bad Breisig) vom 17.10.2012
Künstler trafen sich zur philosophischen Diskussion in der Galerie Marek

Bad Breisig. Kunstschaffende sind eine eigene Spezies, die bildenden Künstler ganz besonders; und das, was sie in schöpferischen Stunden auf Leinwand, Holz, Papier und Stein bringen, erst recht. Rund 30 der Bad Breisiger Kreativen oder an Kunst Interessierten hatten sich auf Einladung von Galerist Karl Marek in dessen Ausstellungsräumen versammelt, um mit Markus Melchers, dem Bonner Philosophen (er selbst nennt sich „philosophischer Praktiker“) zu untersuchen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Der Moderator verzichtete auf einen Vortrag, er gab Denkanstöße, indem er bemerkenswerte Zitate in den Raum stellte. Zum Beispiel Oscar Wilde: „Die Kunst ist das einzig Ernsthafte auf der Welt!“ Oder Tolstoi: „Die Kunst ist die Verwirklichung von Gefühlen, die der Künstler empfunden hat!“ Und der philosophische Vordenker Lüpertz  hat es kurz gesagt: „Kunst ist, was man nicht begreift.“ An diesen Zitaten entzündete sich eine überaus lebhafte Diskussion, zu der viele der Anwesenden ihren Beitrag leisteten.

Was ist Kunst?

Zunächst die Überlegung: Wie ist Kunst in die Welt gekommen? Sind die ersten Höhlenmalereien schon Kunst oder sind sie nur Informationen für andere, festgehaltene Szenen für die Nachwelt, Anweisungen für Sippenmitglieder? Woher weiß ein Künstler überhaupt, ob er Künstler ist? Kunst kommt schließlich von „Können“.

Es entbrennt eine sehr widersprüchliche Diskussion, mündend in der Aussage: „Der Künstler bildet etwas ab, das er empfindet, damit andere daran teilhaben.“ Der Moderator stellt die Frage: „Ist bloße Abbildung der Natur eine Form der Kunst?“ Wenn es nach dem griechischen Philosophen Platon geht, ist dies die wahre Kunst. Dagegen Aristoteles: Er ist der Mathematiker unter den Philosophen - Berechnung geht vor Beobachtung und Gefühl. Für ihn ist Erfahrungswissen ein Produkt der Wissenschaft. Thesen und Gegenthesen fliegen unter den Teilnehmern und Markus Melchers hat alle Not, die Beiträge zu sortieren und auf sinnvolle Aussagen zu komprimieren.

Ein Knalleffekt die Behauptung: „Augenscheinlich wird doch nur als Kunst anerkannt, wenn es etwas kostet!“ Der Gesprächsleiter klärt auf: Das Wort „Kunst“ gibt es seit 1269, seit es der Dominikaner Meister Eckart, der große Prediger und Sprachschöpfer erstmals gebrauchte. In der Folge: Künstler sind zunächst Handwerker, erst später kommen Gefühle hinzu. Ist es wirklich so, dass sich der Künstler in seiner Tätigkeit aus einem inneren Zwang („notwendigerweise“) äußert?

Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel rückt mit seinen nicht unumstrittenen Ansichten in den Mittelpunkt der Überlegungen. Seine These „Kunst, Philosophie und Religion sind absolut, sie haben das Ende erreicht. Danach gibt es nur noch `Kunst nach dem Ende`, also keine Steigerung mehr!“ stößt auf heftige, teils empörte Gegenrede. Immerhin, seine Erkenntnis ist ja auch rund 200 Jahre alt. Dennoch: Was will man Neues an Kunst hinzu erfinden? Schließlich hat man auch die Heilige Schrift neu interpretiert.

Spielt übrigens die „Ästhetik“ in der Kunst eine Rolle? Da wird der in der Nazi-Zeit geprägte  Begriff der „Entarteten Kunst“ kritisch hinterfragt. Kommt es darauf an, ob ein Kunstwerk beim Anschauen Freude macht? Der Betrachter empfindet ein Gemälde als „schön“. Diie Hinzukommenden sagen „Ja, es ist wirklich schön.“ Nun der Kritiker: „Erklären Sie mir detailliert, was Sie daran schön finden!“ Folge: Zweifel, höchstens noch ungesichertes „Wohlge-fallen“, ohne Begründung.

Fragen werden erörtert: Welche Absichten werden mit Kunst verbunden? Am wenigsten der Verkauf, es sei denn, man lebt davon. Mehr: Das Streben nach Vollendung, die Freiheit der Gefühle. Aber „Freiheit“ – auch da ist Vorsicht geboten. Was des einen „Freiheit“ zulässt, verletzt die des anderen. Kunst ist die höchste Form geistigen Erlebens! Ist Kunst eine der „wahrheitsfähigen Elemente“, oder ist Kunst eine „Lüge“? Beide Aussagen finden ihre Anwälte und es entspinnt sich eine lebendige Diskussion, bei denen Philosophen wie Kant, Hegel, Adorno und Wittgenstein mit ihren Thesen keineswegs immer ungeschoren davon kommen.
Es scheint so: Allein der bildende Künstler hat die Gabe, sich mit Visionen über das Nachher abzugeben. Man denke nur an die Maler der Renaissance, des Barock, zum Beispiel an Michelangelo. Ob er die Nachwelt, den Himmel wirklich so angetroffen hat, wie er sie an die Kirchendecken gemalt hat? Dinge, über die man heiß diskutieren kann – oder es einfach hinnehmen.

Man hat den Eindruck: Auch in quellenstädtischen Künstler-Kreisen wird nicht nur gezeichnet und gemalt und gespachtelt, man setzt sich auch mit den Alltäglichkeiten dieser Welt geistig auseinander.

Ob mein Tun Kunst ist? Nur der Künstler weiß es selbst, ob er seine Arbeiten für Kunst hält. Moderator Markus Melchers lässt es am Schluss der erlebnisreichen Stunden Meister Picasso sagen: „Wenn man mich fragte, was Kunst ist – ich würde es nicht sagen, selbst wenn ich es wüsste!“
–FA-
    
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