Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Vom richtigen Sterben; Neues Deutschland vom 23.11.2013
Den Tod planen

Zum Totensonntag: Mit der modernen Medizin verbreitete sich der Wunsch nach einem plötzlichen, überraschenden Tod – aus Angst vor hoch technisierten »lebenserhaltenden Maßnahmen«. Noch vor wenigen Generationen indessen wollten die Menschen sich bewusst auf ihr Ableben vorbereiten. Heute zeigen vor allem Kinder, wie man mit dem eigenen Sterben umgehen kann.
Ein glücklicher Tod - was ist das? »Plötzlich und unerwartet«, wie es oft in Todesanzeigen heißt oder gerade das nicht?

Ernst H. hatte einen schnellen Tod: Er war mit 79 Jahren noch gut zu Fuß, besuchte die Familie des Sohnes - und starb dort mit der brennenden Zigarette in der Hand. Unerwarteter geht es nicht. Er war einfach tot. Dieses Ideal besang auch Reinhard Mey: »Wie ein Baum, den man fällt,/ Eine Ähre im Feld,/ Möcht’ ich im Stehen sterben.« Ist das ein guter Tod? In den Augen der Mehrheit ausdrücklich schon: Ich will nicht leiden, heißt es oft: 60 Prozent der Befragten möchten möglichst plötzlich und unerwartet sterben, ein Viertel hat sich keine Gedanken gemacht, und nur 12 Prozent wollen lieber bewusst, vorbereitet und in Begleitung sterben, so eine Umfrage der Deutschen Stiftung Patientenschutz.

Das war nicht immer so, im Gegenteil: »Im Stehen« zu sterben, überraschend, ohne Vorberei-tung - war vor wenigen Generationen noch der absolute Horror. Vorbereitet und bewusst zu sterben war wichtiger Teil des Lebens, die letzten Stunden waren entscheidend. »Ab dem 14. Jahrhundert erschienen illustrierte Anleitungsbücher für Seelsorger, wie sich die Menschen in ihrer Sterbestunde zu verhalten hatten. Es waren richtige Verkaufsschlager mit großer Verbreitung«, sagt Reiner Sörries, Geschäftsführer der Arbeits-gemeinschaft Friedhof und Denkmal und Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel - ein Museum zum Thema Sterben. Aber wer sich in der Sterbestunde richtig verhalten wollte, durfte nicht einfach tot umfallen. »Es gab und gibt vor allem in Bayern riesengroße Christophorus-Figuren außen an den Kirchen. Fünf oder sechs Meter hoch. Wenn ich Christophorus gesehen habe, so der Volksglaube, dann wird mich zumindest an diesem Tag der gefürchtete jähe Tod nicht ereilen«, sagt Sörries.

Man wollte »richtig« sterben, um für das Jenseits gerüstet zu sein, um Hölle und Fegefeuer zu verkürzen, um sich den Himmel zu sichern. Engel und Heilige, aber auch Teufel und Dämonen standen in der Sterbestunde am Bett und kämpften um die Seele - so zeigen es viele Abbildungen in den beliebten Sterbebüchern. In den letzten Minuten konnte ein ganzes sündiges Leben korrigiert werden.
Aber es ging und geht nicht nur um das Jenseits. Sondern auch um den Abschied vom Diesseits. Vom Leben und von den Angehörigen. »Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wünschte man sich, bewusst und im Kreis der Familie zu sterben«, sagt Markus Melchers, ambulanter philosophischer Berater aus Bonn. »Mit der modernen Medizin entstand der Wunsch nach einem plötzlichen Tod - aus Angst vor einer hoch technisierten Lebensverlängerung ohne Sinnzuschreibung, aber auch aus Angst davor, der Familie ungebührlich zur Last zu fallen.« Aber Melchers sieht eine Veränderung. »Es scheint eine Renaissance des Sterbens zu Hause zu geben - auch durch die Angehörigen.«

Vor allem für sie wird es leichter, wenn der Tod nicht wie ein Blitz kommt. So wie bei Irmgard F.: Sie hatte Krebs und wusste, dass ihr nur noch Tage bleiben würden. Sie wurde aus der Klinik nach Hause verlegt, ein Pflegedienst organisiert, ein Krankenzimmer eingerichtet. Und wie häufig in solchen Fällen blieb nach der Diagnosestellung nur wenig Zeit für die gewünschte Verlegung. Oft sterben Patienten - während die Verlegung organisiert wird - noch in der Klinik. In ihrem Fall klappte es innerhalb eines Tages. Sie nutzte ihre letzten Tage, um sich bewusst von Freunden und Verwandten in der eigenen Wohnung zu verabschieden. Sie hatte mit ihrem Hausarzt vereinbart, auf eine mögliche Wiederbelebung und Wiedereinlieferung in die Klinik zu verzichten und sich auf eine schmerz- und angstlindernde Behandlung zu beschränken. Sie starb zwei Tage nach der Verlegung schließlich im Kreis ihrer Familie. Und sie starb in dem Bewusstsein, jetzt zu sterben.

Diese Art des Sterbens - nicht dramatisch wie ein gefällter Baum sondern unspektakulär, wie eine langsam verlöschende Kerze - wird häufiger. Lange Sterbeverläufe nehmen zu, denn die meisten Menschen in Deutschland sterben im hohen Alter an chronischen Krankheiten - fast 90 Prozent der Deutschen sterben mit über 60 Jahren. »Wir haben dadurch mehr Zeit. Wir können ein würdiges Sterben vorbereiten. Wir können den Patienten durch Gespräche in die neue Situation führen«, sagt Wilhelm Flosdorff, Palliativ-mediziner aus Alsdorf.

»Langwierige Verläufe gibt es häufig und wird es in Zukunft noch häufiger geben«, sagt auch Daniel Schäfer vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln. Das muss nicht schlecht sein: »Ich kann mich im Kontakt mit dem Sterbenden besser mit der drohenden Situation auseinandersetzen als nachher, wenn der geliebte Mensch tot ist«, sagt Schäfer, der selbst Sterbende begleitet. »Nach dem Tod ist es dann wesentlich leichter für die Familie, als wenn der Tod wie ein Blitz gekommen wäre.« Denn die Trauerarbeit beginnt meist schon mit der Diagnose: Der Schock über eine Krebsdiagnose weicht immer mehr der Planung der verbleibenden gemeinsamen Zeit.

Eine der großen Ängste ist es, beim Sterben allein zu sein. Und diese Art des Todes wird häufiger, weil Menschen im hohen Alter oft keinen Partner mehr haben, ihre Kinder in anderen Städten wohnen und die Reihen der Freunde gelichtet sind. Aber diese Angst kann zumindest zum Teil durch eine immer bessere palliativmedizinische Versorgung auch zu Hause aufgefangen werden: Geschulte Teams besuchen den Sterbenden und betreuen ihn - medizinisch, aber auch mit Gesprächen und Nähe. Gegen die andere Angst, die vor einem schmerzhaften Sterben, lässt sich ebenfalls zu Hause vorgehen: mit Schmerzmitteln, Beruhigungsmitteln, mit Tabletten, Spritzen und Pflastern. Mit Gesprächen und mit Nähe. Palliativmediziner haben oft eine charmant distanzlose Art des Umgangs: Sie setzen sich an den Bettrand, halten die Hand, werden schnell persönlich. Trotzdem dauert es oft lange bis zu einem offenen Gespräch über die Ängste vor dem Sterben.

Bei Kindern ist es anders, ausgerechnet bei ihnen ist der Umgang mit dem Sterben meist reifer als bei Erwachsenen. »Vor allem Kinder mit Krebs, die ihre Krankheit, die Behandlungen und alle Probleme oft jahrelang erleiden müssen, sind meist emotional sehr viel kompetenter und reifer als ihre Altersgenossen«, sagt Benjamin Gronwald vom Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitäts-klinikum des Saarlandes. »Sie werden sehr schnell unglaublich erwachsen. So erwachsen, dass sie ihre eigenen Eltern entlasten und stützen - Kinder spüren, wenn ihre Eltern Angst haben und überfordert sind, über den Tod zu sprechen.« Früher hat man Kinder mit unheilbaren Krankheiten belogen, weil man ihnen die Wahrheit nicht zumuten wollte. Das ist heute in fast allen Kliniken anders: »Ein Kind darf über seine Krankheit Bescheid wissen - auch weil es sonst die Therapie, die mit Leid verbunden sein kann, kaum ertragen würde«, sagt Gronwald. Auch weil man Kinder, die man über ihre Krankheit nicht aufklärt, von ihrer Familie, die Bescheid weiß, isoliert. Der vorgebliche Schutz der Kinder ist sowieso vergeblich, sie erspüren ihre Situation sehr präzise.

Und wie sterben Kinder dann? »Sie gehen meist pragmatisch mit dem Sterben um«, sagt Astrid Kimmig von der Kinderklinik der Uni Tübingen. »Sie nutzen das Leben, das sie noch haben, und viele akzeptieren, dass sie sterben müssen - was nicht heißt, dass sie sterben wollen.« Viele leben, soweit möglich, ihre verbliebe-
nen Wünsche aus. Wie der Junge, der noch einmal »seine« Fußballhelden von Bayern München traf. Oder das Mädchen, das nicht mehr aufstehen konnte: Ihre Eltern brachten ihr Lieblingspferd ans Bett, weil sie es noch einmal sehen wollte. Oder der Junge mit der Besucherliste, auf der die Namen derjenigen standen, die er noch einmal sehen wollte - und derjenigen, die ausdrücklich nicht kommen durften. »Einige Kinder gestalten in der Phase sogar ihre Beerdigung: welche Lieder gesungen werden sollen und dass die Trauergäste keine schwarze, sondern bunte Kleidung tragen müssen.«

Ab welchem Alter können Kinder verstehen, was Sterben heißt? »Es gibt aus meiner Sicht keine Untergrenze: Wir hatten einen Dreijährigen, der hat sich beim letzten Aufenthalt von allen per Handschlag verabschiedet, weil er wusste, dass es der letzte Abschied war - und es war der letzte Abschied«, so Kimmig. Meist versuchen die Ärzte, sterbende Kinder nach Hause, in ihre vertraute Umgebung zu verlegen. Dann wird es aber oft schwierig: »Wir haben ein Riesenproblem mit der Finanzierung der ambulanten Palliativteams für Kinder«, klagt Gronwald. »Obwohl diese im Gesetz festgeschrieben ist, zahlen die Kassen nicht die notwendige Betreuung. Man versteckt sich pauschal hinter dem Begriff der Wirtschaftlichkeit. In Frankfurt etwa droht gerade dem Kinderteam das Aus.«

Knapp 870 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr, der Blitztod ist die Ausnahme. »Etwa drei von vier Menschen erleben ihr eigenes Sterben bis zu 48 Stunden vor ihrem Tod bewusst«, schätzt Daniel Schäfer. Ist es schrecklich, beim Sterben als Begleiter dabei zu sein? Für Benjamin Gronwald ganz ausdrücklich nicht: »Die Begleitung von Sterbenden ist ein fantastischer Auftrag. Mir hat diese Arbeit die Liebe zur Medizin wiedergegeben.«
Magnus Heier

Dr. Magnus Heier ist Facharzt für Neurologie & Medizinjournalist in Castrop-Rauxel

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