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Die Kunst des Schenkens, Weser-Kurier (Bremen) vom 24.- 25. -26.12.2011

Präsente verraten einiges über den, der sie bekommt – aber noch viel über den Schenkenden

Ob zu Weihnachten oder zu anderen Gelegenheiten wie Hochzeit oder Geburtstag – Geschenke können auch danebengehen. Manche haben ein Talent, das passende Präsent zu finden, andere liegen immer wieder falsch. Schenken ist ein Balanceakt zwischen Wert und persönlicher Note, eine Art von Komm-unikation. Einen Treffer zu landen, wird immer schwieriger.

VON WALTER SCHMIDT

Bremen. „Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, Dass dein Geschenk Du selber bist“, so schrieb es einst Joachim Ringelnatz (1883-1934) in einem Gedicht. Doch so einfach ist das Schenken außerhalb der Poesie meistens nicht. Leicht haben es meistens nur die Kinder. Sie krakeln etwas aufs Blatt oder pappen ein paar Fetzen Stoff und ein Klopapier-Röllchen zusammen und überreichen das Kunstwerk mit heißem Herzen und den Worten: „Das schenke ich Dir.“ Dann drehen sie sich um, gehen ihrer Wege und haben ihr Präsent nach wenigen Minuten wieder vergessen. Nichts ist für sie so uninteressant wie das Bild, das sie
eben gemalt, oder das schiefe Püppchen, das sie gerade gebastelt haben. Auf zu neuen Taten! Als Vater oder Mutter findet man die kleinen Gaben manchmal nach 15 Jahren beim Ausmisten von Schränken und ist noch gerührter als damals.

Selber etwas zu schenken, ist für viele Erwachsene eine komplizierte Angelegenheit.Denn Präsente können weit mehr als Freude stiften. Sie können beschämen und überfordern, beleidigen und verletzen. Manche von ihnen sind bei genauem Hinschauen nicht einmal gut gemeint.

„Schenken ist soziales Handeln par excellence“, sagt der Kultur- und Religionssoziologe Gerhard Schmied, der vor seinem Ruhestand an der Universität Mainz gelehrt hat. „Man schenkt, wenn man ein Interesse daran hat, Beziehungen zu bestätigen oder aufrechtzuerhalten“, sagt der 71-Jährige. Geschenke sind eine Art von Kommunikation – und die kann scheitern. Gaben übermitteln Botschaften von Nähe und Distanz, von Wissen und Ahnungslosigkeit. Sie verraten einiges über den, der beschenkt wird, aber viel über den Schenkenden. Das muss kein Vorteil sein.

Talent ist gefragt

Manche Menschen können auf ein Talent zum Schenken zurückgreifen, das anderen ein Leben lang versagt bleibt. Sicher greifen die Begabten zu Mitbringseln, die immer passen. Andere liegen immer wieder falsch, wenn sie eigentlich Gutgemeintes überreichen. Manchmal verlangen sie dem Beschenkten ein Geschmacks-urteil ab, das für diese hochgradig peinlich sein kann. So etwa, wenn eine begeisterte Hobby-Malerin ihre Bekannten immer wieder mit eigenen Gemälden bedenkt, die aber niemand wirklich schön findet. Solch eine Situation könnte darin münden, dass die Beschenkten die Bilder immer nur vor Besuchen der Malerin aufhängen.

Das Schenken als Tradition stamme aus einer Zeit, in der man noch nicht alles kaufen konnte, sagt Markus Melchers, ein Philosophie-Praktiker aus Bonn. Heute aber könne sich der Beschenkte in der Regel alles selber kaufen. Das macht es keineswegs einfacher. Denn als Schenkender kann man sich seiner Sache nicht mehr sicher sein. Braucht der Beschenkte die Gabe überhaupt? Hat er sie sich gar schon selbst gekauft? Kinder mögen enttäuscht sein, wenn ein Wunsch versagt oder eine Sehnsucht unerkannt bleibt. Erwachsene kann so etwas auf immer beleidigen, und die Etikette erschwert es ihnen obendrein, ihre Gefühle auszudrücken. Melchers zufolge gibt es auch „vergiftete Geschenke“ – etwa dann, „wenn man einem bedürftigen Freund 50 Euro schenkt“. Oder gar den eigenen Eltern. Geldgeschenke erfreuen eher, wenn sie an einen hübschen Zweck gebunden sind – zum Beispiel eine immer wieder erwähnte Wunsch-Reise.

Und dann gibt es ja noch die bekannte Redensart: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Sie enthält zwei wichtige Botschaften. Einmal jene, dass es für gelungene Zwischenmenschlichkeit überhaupt wichtig ist, etwas zu schenken, zumindest dann und wann. Die zweite, vielleicht wichtigere Botschaft aber zielt auf die Größe des Geschenks. „Ein Geschenk muss materiell angemessen sein, sonst geht es schnell in Richtung Almosen“, sagt Soziologe Schmied. Große Gaben können überfordern und beschämen. Nur Menschen mit guten Nehmer-Qualitäten – und das heißt: mit großem Selbstbewusstsein – können mit üppigen Geschenken umgehen. Die Frage „Wie soll ich das je wieder gutmachen?“ ist keine absurde, sondern eine zutiefst menschliche Reaktion. Eine Gabe erfordert meist eine Gegengabe. Menschen fühlen sich leicht in der Schuld des Schenkenden und haben vielleicht weder die finanziellen noch die charakterlichen Möglichkeiten, adäquat zurückzugeben.
Für den Philosophie-Praktiker Markus Melchers liegt hier ein „Risiko des Schenkens“, das im ungünstigen Fall dazu führen kann, „dass der Beschenkte sich nicht mehr meldet“.

      © Sinn auf Rädern/BelKom