Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 20.09.2017
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Über eine Stunde im Zeichen der Fremde; Jülicher Zeitung vom 22.01.2010
Großer Andrang zum Auftakt der neuen Reihe im Bonhoeffer-Haus. Da Zhag spielt auf Kniegeige. Philosoph aus Bonn moderiert.

Jülich. Zahlreiche Besucher aus den Kreisen Aachen, Düren und Heinsberg erschienen zur  Auftaktveranstaltung der Reihe „Das Fremde“ im Bonhoeffer-Haus. Zum ersten Mal ging dem
Halbjahresprogramm eine Eröffnungsveranstaltung voraus. Organisatorin Elke Bennetreu findet es überaus spannend, „ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Sie hieß den in Jülich nicht mehr fremden chinesischen Musikprofessor Da Zhag willkommen, der sich selbst und sein Instrument vorstellte: Vor 20 Jahren war er aus politischen Gründen aus Peking in die „Miniweltstadt“ Jülich gekommen.

Seiner zweisaitigen chinesischen Kniegeige Erhu entlockte er wunderschöne Melodien voller Wehmut, Sehnsucht und Liebe, wie sie schon vor 2000 Jahren in buddhistischen Tempeln und Königspalästen erklungen waren. „Deutsche sind direkter, Chinesen sagen niemals direkt nein“, stellte er auf Anfrage einen kulturellen Unterschied heraus. Bennetreu nahm den Faden auf und sprach ein wichtiges Lernfeld an: „Es gibt keine einzige richtige Verhaltensweise.“ Die Zeit zwischen Musikbeiträgen und Essen, das „in der Kultur des christlichen Zusammenlebens immer ganz wichtig ist“, füllte ein gut einstündiges Gespräch über das Fremde.

Der Philosoph Markus Melchers aus Bonn, Leiter des philosophischen Cafés Heinsberg moderierte. Auf Zitate bekannter Philosophen wie Georg Simmel, Hinrich Fink-Eitel oder Georg Christoph Lichtenberg folgte eine soziologische Beschreibung, wer oder was ist das menschliche Elementargefühl „das Fremde“, wann rede ich vom „Anderen“ und wann vom „Fremden“. Damit verbunden waren Wirkung und Umgangs-möglichkeiten, wobei hauptsächlich der interkulturelle Aspekt diskutiert wurde.

„Ein Fremder, der wandert, bleibt interessant. Mit einem Fremden, der bleibt, muss ich mich auseinandersetzen, er könnte Ansprüche stellen, mir Angst machen“, waren genauso Ansatzpunkte wie Offenheit und Toleranz als wichtigste Umgangsformen. Von den philosophischen Zitaten fühlten sich die Besucher persönlich angesprochen, bis das Thema Evolution und gesellschaftspolitische Zusammenhänge dieses breite Spektrum persönlicher Reaktionen überstieg. „Durch Sozialisation kommt man in eine gesellschaftliche Furche, durch Veranstaltungen wie diese kommt man aus dieser Furche wieder raus“, stellte ein Besucher fest. Das Stichwort „das Fremde in einem selbst“ führte zu den Punkten Entfremdungsprozesse, Begrenztheit des Lebens bis hin zu „regelgeleitetem Wahrnehmen, das Sinn-verstehen in der anderen Kultur möglich zu machen“.

Letzter Ansatzpunkt war die „nicht rationale Formel“ des französisch-jüdischen Philosophen Emmanuel Lévinas „nicht in das Gesicht, sondern in das Antlitz des Anderen zu schauen“.

Die anberaumte Diskussionszeit reichte bei weitem nicht aus, die Auftaktveranstaltung verlangt nach mehr. Wie berichtet, liegt das Progtrammheft für das erste Halbjahr 2010 im Petr-Baier- und Dietrich- Bonhoeffer-Haus und in der Buchhandlung Fischer aus.
(ptj) 
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