Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Gerade die Ungewissheit reizt, General-Anzeiger Bonn vom 24.10.2008
Seit fünf Jahren gibt es den Philosophischen Salon in Muffendorf

MUFFENDORF. Am heutigen Freitag ab 19.30 Uhr wird das Wohnzimmer von Isobel Frost-Ohm zum 60. Mal zum philosophischen Salon. Thema: „Was ist Natur?“. Mit der Gastgeberin sprach Ebba Hagenberg-Miliu.

Sie haben sich die Form des Philosophischen Salons in Ihrer britischen Heimat abgeguckt. Was fasziniert Sie daran?
Frost-Ohm: Ich habe einen Philosophiekreis für jedermann in London erlebt und fand die praktischen Anwendungen für tägliche Entscheidungen spannend und faszinierend. Ich bin nach wie vor begeistert von immer präziseren neurowissenschaftlichen Methoden, unsere Lernprozesse zu entschlüsseln. Zum Beispiel wurde durch wissenschaftliche Versuche in Fra-ge gestellt, ob wir einen freien Willen haben. Wir brauchen aber die Philosophie, um zu über-legen, ob das überhaupt gut ist.

Wir leben in einer Welt, in der krampfhaft „Superstars“ und „Supermodels“ gesucht werden. Wie kann so etwas Seltsames wie Philosophie damit konkurrieren?
Frost-Ohm: Die Philosophie hat selbst Superstars, deren Denken seit Jahrtausenden noch heute brilliert. Sie mussten dafür zum Teil ihr Leben riskieren. Zeitlose Fragen zu stellen und Antworten  zu suchen, ist notwendig, um ein sinnvolles Leben zu führen. Unsere Gäste schei-nen nach so was zu suchen. In unserem Salon darf jeder, der möchte, ins Rampenlicht treten. Aber anders als bei der Suche nach dem Superstar wird keiner herabgesetzt. Man darf natür-lich auch als reiner Zuhörer die Diskussion genießen.

Sie haben den Bonner Philosophen Markus Melchers als Moderator gewonnen. Was macht dazu das Ambiente, also Ihr Wohnzimmer aus?

Frost-Ohm: Mein Haus schafft der von Ihnen als seltsam bezeichneten Philosophie etwas Heimeliges. Für einen lebendigen Dialog ist Platz, aber trotzdem bleibt es intim und vertraut.

Sie nennen das, was bei Ihnen zwei Stunden abläuft, Gehirn-Jogging. Wissen Sie überhaupt vorher, wo das Trimmen hinführen kann? Ist das nicht ein Risiko?  

Frost-Ohm: Klar, aber diese Ungewissheit reizt ja gerade. Wir wissen nicht, wer kommt und wohin der Austausch führt, nach dem Herr Melchers zwei klassische Zitate und ein provokatives genannt hat. Er bietet keinen Vortrag, aber beglückt uns, wenn nötig, mit Erklärungen oder gezielten Fragen. Das größte Risiko ist vielleicht, dass Ideen, die man als selbstverständlich angesehen hat, in Frage gestellt werden.

Sie haben einen Kern von 20 bis 25 Teilnehmern. Es kommen auch immer neue Gesichter. Was sind das für Leute?

Frost-Ohm: Das sind Leute, die sozusagen „Reality Philosophy“ hautnah erleben möchten. Da sind Informatiker dabei, Bankangestellte, Lehrer, Krankenschwestern, Büroangestellte, Einzelhändler, Diplomaten, Pensionäre, Arbeitslose.

Aber haben Nicht-Studierte nicht Schwellenangst?
Frost-Ohm: Das mögen doch alle haben. Aber meistens hält sich der Schüchterne irgendwann nicht mehr zurück. Wohle weil respektvoll miteinander umgegangen wird. Auch wenn sein philosophisches Herz ab und zu wehtun mag, habe ich übrigens niemals erlebt, dass Herrn Melchers ein entmutigender Kommentar herausrutschte.

Was war persönlich das größte Aha-Erlebnis eines Themenabends. Was hatte praktische Auswirkungen auf Ihr Leben?
Frost-Ohm: Wir verbringen viel Zeit mit dem Versuch, Begriffe zu definieren. Ich habe früher Toleranz als ganz positive Eigenschaft empfunden. Aber nachdem sie von Teilnehmer als „Etwas dulden, das man sonst für nicht gut hält“ definiert wurde, habe ich meine Meinung und mein Leben verändert. Es wurde mir klar, dass viele Konflikte durch Missverständnisse verursacht werden, also durch unklare Definitionen bei widersprechenden Meinungen. Aber letztlich stimme ich einem Teilnehmer zu, der sagt, wir versuchen zwei Stunden lang unser Wissen zu ergänzen und sind am Ende oft verzweifelter als am Anfang, jedoch auf anderem Niveau.

Sagen Sie bloß, in Ihrem Salon wurde noch nie gestritten?
Frost-Ohm: Wir sind „geistig sportlich“, greifen uns aber nicht persönlich an. Öfter funkeln die Augen schon aus Vorfreude, wenn gewarnt wird „Ich muss Ihnen leider widersprechen“.
      © Sinn auf Rädern/BelKom