Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 24.11.2017
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Zum Fest Denken schenken; Kölner Stadtanzeiger vom 23. und 24.12.2006
Der Philosoph Markus Melchers übt seinen Beruf ambulant aus.
Noch eine Überraschung für den Gabentisch gesucht?
Warum nicht ein geistvolles Gespräch mit einem Philosophen?

Von Walter Schmidt

BONN - So sicher, wie jetzt wieder Lametta an Christbäumen hängt, muss sich Markus Melchers nach Weihnachten zu neuen Kunden aufmachen - als Geschenk, wenn auch ohne Schleifchen und allenfalls so eingepackt, dass er der Kälte des Winters trotzen kann. "Unter den Weihnachtsbäumen lag ich zwei Mal - als Gutschein", sagt der 43-Jährige, laut Eigenwerbung Deutschlands einziger "ambulanter Philosoph". Er gehört zu jenen Freiberuflern, die sich ihren Markt selber suchen müssen - kaum jemand käme von sich aus auf die Idee, nach einem philosophischen Praktiker zu suchen, um mit ihm über den Werteverfall, das Göttliche oder das Wesen des Mutes zu debattieren.

Und weil jemand, der keine Güter des täglichen Bedarfs feilbietet, origineller sein muss als ein Bäcker oder Metzger, bietet der Bonner mit Dienst-Fahrrad nicht nur "Sinn auf Rädern" und ein "Philosophisches Cafè" in diversen rheinischen Städten an, sondern seit 2003 auch gepflegte Unterhaltungen unter dem Motto "Denken schenken".
 
Natürlich weiß Melchers, dass er mit seiner Idee kein Massenpublikum anspricht. Doch im Zeitalter der verwirrten Werte und  Menschen suchen etliche Zeitgenossen Orientierung - warum also nicht gleich fachlich angeleitet, sofern man Lust dazu und das nötige Kleingeld hat, sich mal einen Philosophen ins Haus zu holen.
Doch auf diese Idee muss einer erst mal kommen - oder aber man bringt ihn drauf, in Form eines Geschenks. "Wer jemanden kennt, von dem er annimmt, dass die philosophische Lebensberatung ihm helfen könnte, der aber nie von selbst auf die Idee käme, einen Philosophen zu konsultieren, der kann auf diesem Geschenkwege Gutes tun", sagt Melchers.

Bisher hält sich die Nachfrage nach geschenktem Denken in Grenzen - etwa alle zwei Monate meldet sich bei Melchers jemand, der einem Freund oder seiner Partnerin gehaltvolle Stunden schenken möchte - nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern auch zu anderen angenehmen Anlässen wie Jubiläen oder Geburtstagen. "Fast immer wünschen sich die Leute eine moderierte Gesprächsrunde ähnlich einem Philosophischen Café", berichtet der in Koblenz geborene Philosoph. Bei solchen Anlässen bringt Melchers mit drei Zitaten eine Diskussion in Gang, die aufs Munterste vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen drohte, würde der Moderator sie nicht mit Nachfragen in sokratischer Manier immer wieder zähmen - auch wenn das nicht immer gelingt. 

Überrumpelt vom plötzlich auftauchenden Philosophen sind die wenigsten der mit Denken Beschenkten. "Die meisten haben sich Sinn auf Rädern gewünscht", sagt Melchers - sie wissen, dass der belesene Gesprächspartner anrückt und sind eingestimmt. "Überrascht sind eher die Geburtstagsgäste, die plötzlich vom Geburtstagskind aufgefordert werden, jetzt zwei Stunden lang zu einem von ihm gewählten Thema zu philosophieren", berichtet der er.

Zumeist sind es Frauen, die ihren Lebenspartnern Nachdenken schenken. Akademiker und Nichtakademiker halten sich die Waage. Doch würden abweichend von seinem üblichen Kundenkreis "überdurchschnittlich oft Fragen diskutiert, die sich aus dem Beruf ergeben".
Da ist zum Beispiel der Arzt, "der nicht immer weiß, wie und ob er sich immer moralisch einwandfrei seinen Patienten gegenüber verhalten". Er fragte sich, ob er seinen Patienten immer die Wahrheit sagen muss. Oder Menschen, die kurz vor einem Berufswechsel stehen, knabbern dara, ob sie "nur des Geldes wegen" ihrer Familie eine "so große Veränderung" zumuten dürfen.
Wer den notfalls auch telefonisch arbeitenden Philosophen "verschenken" möchte, muss die Fahrtkosten extra zahlen;  die zeitaufwändige Anreise hebt den Preis ebenfalls. Wer den Kant- und Nietzsche-Interpreten gar nach Berlin bestellen möchte, müsste mit ihm einen Tagessatz "individuell aushandeln".

Eine brotlose Kunst soll die Philosophie schließlich nicht sein. 
      © Sinn auf Rädern/BelKom