Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 20.07.2019
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Einladung zum Denken, General-Anzeiger Bonn 24.11.2018-25.11.2018
Der Bonner Philosoph Markus Melchers versteht sich als Praktiker, bietet mit seinem Ein-Mann-Unternehmen „Sinn auf Rädern“ Gespräche zu individuellen Fragen an
 und lädt einmal im Monat zum Philosophischen Café in die Pauke ein

Von Ulrike Strauch

Es gab da mal einen Mann, der wollte am liebsten über Friedrich Nietzsche sprechen. Ausführlich, stundenlang – falls möglich. Doch genau das war es offenbar nicht. Gingen Familie und Freunde doch bereits dazu über, den Namen des Philosophen in seiner Anwesenheit tunlichst zu meiden. Bis zu dem Tag, als jemand auf die Idee kam, die Lösung des Problems einem Profi anzuvertrauen. Jemandem, der sich mit Nietzsches Denken und dessen Werken auskennt und dessen Zeit und Geduld für Geld zu haben sind.
Markus Melchers lächelt, während er sich an dieses Gespräch und diesen „Gastgeber“ erinnert. So nennt der Philosophische Praktiker, der sich 1998 mit dem Ein-Mann-Unternehmen „Sinn auf Rädern“ selbstständig gemacht hat, die Kunden, mit denen er an einem Ort ihrer Wahl zusammenkommt, um über das gewünschte Thema zu sprechen. „Das kann bei ihnen zu Hause, während eines Spaziergangs oder einer Zugfahrt sein.“
„Die meisten dieser Hausbesuche bewegen sich in einem Radius von 50 Kilometern, können aber auch darüber hinaus weisen – von Aachen über Düren bis nach Essen, Gelsenkirchen und nach Dortmund.“ Und Melchers macht sich auf den Weg dorthin. Das gehe schon in Ordnung, sagt der 55-Jährige. „Ich wollte ja auch nie ein Praxisschild an meiner Tür und keine Sitzungen zu 50 Minuten.“ Zumal er mit 70 Prozent seiner meist weiblichen „Gastgeber“ am Telefon spreche; von Bremerhaven bis an den Tegernsee. „Pro Person sind das meist drei Gespräche; jeweils zwischen 90 und 120 Minuten. Oder eben so lange, bis am anderen Ende der Leitung die Vorstellung reift, gesagt zu haben, was zum Thema zu sagen ist. „Dass jemand meinte, das Ganze gefalle ihm so nicht, ist in den 20 Jahren bislang nur zwei Mal vorgekommen“, blickt Melchers zurück. „Oder dass ich nach kurzer Zeit sagen musste, ich glaube, ich bin dafür nicht der richtige Ansprechpartner. Wenden Sie sich lieber an einen Therapeuten.“
Wobei der philosophische Diskurs Fragen der Lebensführung und Lebenseinstellung behandelt und die angesprochenen Themen durchaus den Grenzbereich zwischen Philosophie und Psychologie tangieren. Warum langweilt mich der Ruhestand? Warum bin ich es eigentlich, der anderen auf dem Bürgersteig ausweicht? Wie passt die Welt in meinen Kopf?
„Es geht nicht um Besserung oder Heilung, sondern um einen Austausch auf Augenhöhe, um philosophisches Wissen und Methoden des Denkens, die für das eigene Leben bedeutsam sind“, führt Melchers aus. Ein Stück Lebenshilfe könnte insoweit darin stecken, als jemand aufmerksam zuhöre, Anstöße gebe, zustimme oder offen widerspreche.
„In der Regel besteht unser persönlicher Umkreis ja nicht unbedingt aus Philosophen.“ So bestehen einerseits gewisse Skrupel, seinen Mitmenschen mit Nietzsche oder dessen Kollegen konsequent auf die Nerven zu gehen. Andererseits seien auch Zweifel gestattet, ob der andere überhaupt genügend Hintergrundwissen besitzt, um tatsächlich mitreden zu können.
„Mit einem Philosophen verbindet man allerdings einen gewissen Grad humanistischer Bildung“, resümiert Melchers. „Meine Gastgeber stellen berechtigte Ansprüche. Sie wünschen sich eine nachvollziehbare Argumentation. Auch die philosophiegeschichtliche Einordnung ist willkommen. Wenn ich ihnen beispielsweise sagen kann: Sie stehen mit Ihren Gedanken nicht allein. Es gibt dazu bereits eine Tradition des Denkens, sehen meine Gesprächspartner ihre Position bekräftigt“, fügt Melchers hinzu.
Gründliche Vor- und Nachbereitung gehören für ihn zu jedem Gespräch selbstverständlich mit dazu. „Ich sage auch ganz offen, dass dies so ist und tue nicht so als zauberte ich das alles Mal so eben aus meinem Gedächtnis.“ Der gebürtige Koblenzer hat schon als Schüler, lange vor Beginn des Studiums in Bonn, gezielt philosophische Literatur gelesen: von der Erkenntnistheorie bis zur Moralphilosophie.
„Als ich dann hörte, dass es so etwas wie Philosophische Praxis gibt, bin ich zu Kolloquien und Tagungen gefahren. Mit 19 wusste ich, dass das wirklich etwas für mich sein könnte, hätte aber nicht daran gedacht, meinen Lebensunterhalt so zu verdienen, wie ich es heute tue. „Ich sehe mich als Dolmetscher zwischen der Wissenschaft und den Gastgebern außerhalb der akademischen Welt, die nicht studiert haben müssen, um über philosophische Fragen zu diskutieren.“
Die philosophische Praxis von Markus Melchers schließt heute neben den Einzelgesprächen sowie den Debatten in Denk- und Arbeitskreisen auch Einladungen zu Kongressen, Tagungen und Workshops ein. Die Liste dieser Gastgeber reicht von Akademien und Universitäten, über Katholische und Evangelische Träger der Erwachsenenbildung bis zu Firmen und Verbänden. „Ihnen geht es nicht um ein irgendwie geartetes philosophisches Bespaßungsprogramm, sondern ganz konkret um Themen wie Faires Wirtschaften oder Mitarbeiterzufriedenheit.“
Aus der philosophischen Praxis „Sinn auf Rädern“ sind im Laufe der Zeit auch weitere Formate hervorgegangen. Dazu zählen die Philosophische Bücherschau Bonn (2010 - 2014), „Die Bühne der Zwei“ (2014 bis 2016)– eine szenische Vortragsreihe gemeinsam mit Professor Dr. Hans-Joachim Pieper von der Alanus Hochschule – sowie seit 2013 „Die Sinn(er)finder“ mit dem Schauspieler Enno Kalisch als Verbindung von Erzählkunst und Philosophie. Zudem war Melchers von 2011 bis 2015 einer der Gründungsmitherausgeber von „Leidfaden. Fachmagazin für Krisen, Leid, Trauer.“
Gegenwärtig stehen gut 150 Veranstaltungen pro Jahr auf seinem Programm, der Kalender für 2019 ist nahezu gefüllt. Dort finden sich in regelmäßiger Reihenfolge auch die Einträge zu den Philosophischen Cafés – einem unschlagbaren Klassiker in Melchers Portfolio und einem zuverlässigen Multiplikator; gesetzt den Fall, man möchte sich aus reiner Neugier vielleicht einmal anschauen, was ein philosophischer Praktiker tut, man findet Geschmack daran und kommt bei Gelegenheit wieder. „Zwischen 1997 und 2002 gab es rund 200 solcher Cafés“, blickt Melchers zurück. „Heute sind es allerdings nur noch wenige.“
An ihm liegt es gewiss nicht. Seit er am 17. Juli 1998 zum ersten „Philocafé“ in die Bonner Pauke eingeladen hat, hat dieses Modell dort und darüber hinaus Schule gemacht; zum Beispiel in Meckenheim, in Bad Honnef, in Düren und Koblenz. Rund 40 Gäste kommen regelmäßig zum „Disput in freundlicher Differenz“ zusammen.
Die Regeln dabei sind klar. Das Thema steht fest. Die Auswahl? Frei nach dem Motto „Liebe, Tod und Glück – was gibt es sonst noch?“ Die am besten besuchten Veranstaltungen gab es zum Lachen (100 Gäste) zur Frage „Was ist der Mensch?“ (87), zu Selbsttäuschung (86), Willensschwäche (85) sowie zu „Politik und Ehrlichkeit“. Jeweils beginnend mit zwei widerstrebenden Thesen und zu guter Letzt einem auflockernden Zitat; einem Werbespruch oder Aphorismus. Dann heißt es: „Und jetzt sind Sie dran.“ Im Bewegungsraum des Denkens und in der höflichen Annahme, dass der andere unter Umständen auch mal Recht haben könnte, vertrauend in dessen Vernunft und in ein streitbares Vergnügen.
Rund 10 200 Besucher haben sich dies seither in der Pauke gegönnt. Die Philocafés – nicht eines ist seit 1998 ausgefallen – lieferten Melchers und einem Kollegen seit 2001 Anregungen zu mehreren Büchern sowie mehr als 40 Einzelaufsätzen. Letzter Termin in diesem Jahr wird Ausgabe 244 am 19. Dezember sein. Das Thema? „Ist Luxus überflüssig?“ Nicht unbedingt, findet Melchers. Man könnte ja zum Beispiel auch Denken verschenken. Ein gutes philosophisches Gespräch im nächsten Jahr. Und dazu eines der Bücher, die er zuvor am 5. Dezember in der Pauke vorstellt. „Lesen und Lesen lassen? Melchers hat seine Wahl getroffen.

Sinn auf Rädern
Die nächsten Termine

Mittwoch, 5. Dezember, 
20 Uhr: „Lesen und Lesen lassen“, Ein Gespräch über Thesen, Texte, Theorien, mit 
Dr. Lothar Stresius und 
Markus Melchers
VVK: zwölf (erm. acht) Euro zgl. VVK-Gebühr
Abendkasse: 15 (erm elf) Euro

Mittwoch, 19. Dezember;
20 Uhr, 244. Philosophisches Café: „Ist Luxus überflüssig?“
Veranstaltungsort:
Kulturbistro Pauke
Endenicher Str. 43, Mi,.17. Oktober, (0228) 9694650
Eintritt: 8 €.
Karten: www.bonnticket.de
Weitere Informationen:
www.sinn-auf-raedern.de
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