Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Zeit zum Denken, General-Anzeiger Bonn vom 16. und 17. August 2008
Zweifler und Grübler tauschen sich besonders gern mit Markus Melchers aus. Der studierte Philosoph aus Bonn offeriert eine Beratung, die er „Sinn auf Rädern“ nennt, allen, die gerne nachdenken – und das nun schon seit zehn Jahren.

Von Sarah Habegger

Das Präsent war ungewöhnlich und ließ sich auch nicht auspacken: Christina G. aus Bonn bekam von ihren Eltern zum 18. Geburtstag Zeit mit dem Philosophen Markus Melchers geschenkt: Zeit zum Denken. Ihre Eltern hatten sich das gut überlegt. Sie wollen, dass ihre Tochter ein glückliches Leben führt. Und dafür muss erst einmal herausgefunden werden, was glücklich sein für sie bedeutet. „Eine Frage, die jeder für sich beantworten muss“ erklärt Melchers, „aber ich kann dabei helfen.“ Der Mann mit dem ungewöhnlichen Beruf lebt in Bonn und nennt sich „philosophischer Praktiker“. Wer ihn braucht, ruft ihn an und vereinbart ein Gesprächsthema. Melchers kommt dann zu Besuch oder zu einem vereinbarten Treffpunkt. Notfalls kann das Gespräch auch am Telefon geführt werden. Jedes Thema, sofern es irgendwie der Philosophie zugeordnet werden kann, ist möglich. Da das aus dem Griechischen stammende Wort Philosophie „Liebe zur Weisheit“ bedeutet, ist das Themenspektrum gewaltig.

Melchers nennt sein Ein-Mann-Unternehmen „Sinn auf Rädern“ und feiert in diesem August dessen zehnjähriges Bestehen. Er sei froh, dass heute niemand mehr vom „radelnden Philosophen“ schreibt – „nur weil ich damals mit dem Fahrrad unterwegs war“. Da fühlte er sich nicht ernst genommen. Umso stolzer ist er heute, dass er einer der wenigen in dem seit den 80er Jahren existierenden Berufsfeld so lange bestehen konnte. Sein Konzept: Nicht die Menschen zu sich kommen lassen, in einen Raum, in dem er selbst der Chef ist. Lieber in die Wohnzimmer gehen, wo er Gast ist. Deshalb nennt er seine Kunden auch Gastgeber.

Melchers redet druckreif. Und wenn er merkt, dass sein Satz nicht so endet, wie er ihn haben will, unterbricht er und beginnt neu mit: „Oder anders: …“ Studiert hat er in Bonn: Philosophie natürlich, dazu Geschichte und Theologie. Wer auf seine Homepage geht, findet kaum persönliche Angaben, keinen Lebenslauf, kein Foto. „Es soll dabei nicht um mich gehen. Wer ich bin, ist eigentlich irrelevant“, erklärt er ernst. Wenn etwas für oder gegen ihn spreche, dann sei das am besten direkt an seiner Arbeit zu messen. Statt einer Selbstdarstellung hat er im Internet Presseartikel über sich und seine öffentlichen Veranstaltungen eingestellt. So kommen auch die meisten Menschen an seine Telefonnummer. Ein Prinzip, dem er seinen anhaltenden Erfolg zuschreibt.   
        
Etwas Persönliches gibt er dann doch preis. Als 15-jähriger hat Markus Melchers  seine Sommerferien mit Lesen, Tischtennisspielen und dem, Reden über das Gelesene verbracht. „Vor allem Nietzsche! Ich finde, jeder in dem Alter sollte Nietzsche lesen.“ Seine Augen leuchten und er lacht. Das Lesen blieb seine größte Freude. Seine Eltern wollten ihm den Führerschein bezahlen, doch Melchers bat sie, ihm statt dessen doch lieber das Geld zu geben. Das aber lehnten sie ab: Er würde sich davon doch ohnehin nur Bücher kaufen. Bis heute ist es so geblieben: jede Woche ein Buch. Auch weil seine Gastgeber von ihm erwarten, dass er sich auskennt: in 2000 Jahren Philosophiegeschichte, in Geschichte, Politik, Musik, Kunst, Literatur, Religion, Soziologie und auch bei aktuellen Ereignissen. „Wegen Geld macht man diesen Beruf nicht“, betont Melchers. Das nimmt man ihm ab: natürlich verlangt er ein Honorar für seine Dienste, doch seine Freude an dem, was er macht, ist unübersehbar.

Und was macht er genau? Er bewege sich auf thematisch ähnlichem Gebiet wie religiöse Seel-sorger und Psychotherapeuten, sagt er, sieht da aber keinerlei Konkurrenz. Der Seelsorger hätte ein Vorteil: „Schon professionell weiß er, dass es für alles eine letzte Begründung gibt. Und die ist, wenn man es sehr stark verkürzt: Gott.“ Der Philosoph hält sich an Sokrates zugeschriebene Maxime: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und ist damit offen für alle möglichen Ergebnisse. Das treffe auch auf den Psychotherapeuten zu. Doch der gehe immer von einem menschlichen Defizit aus, das behoben werden muss. Deswegen drehe sich die therapeutische Arbeit immer um Heil und Heilung. „Das aber ist nicht die Aufgabe philosophischer Praxis“, sagt er. Und auch Trost spenden sei nicht sein Metier.

Damit ist klar, was Markus Melchers nicht macht. Aber was macht er denn nun? Melchers muss lachen. Er lacht viel durch seine runden Brillengläser. „Ja, das ist auch eine philosophische Methode: erst einmal ausschließen.“ Dann fängt er an, zu erklären: Philosophische Praxis kann im Rahmen von Lebensberatung eine Klärung der Begriffe leisten.“ Das sein kein theoretisches Vorhaben. Melchers überlegt: „Zum Beispiel würde ich den Gastgeber fragen, wenn es darum geht, ob etwas, das vorhat, moralisch richtig ist: was verstehen Sie denn unter Moral? Und dann würde man das abgrenzen von Ethik und von Gefühlen, die man hat. Und dann würden wir im Gespräch versuchen, verschiedene Entwürfe von Moral zu besprechen. Wir hätten dann auch ein Wortfeld aufgetan, hätten einem Begriff, der vorher nur eindimensional gewesen ist, peu à peu mehr Farbe zuschreiben können und hätten damit für die Theorie und damit auch für die Praxis Optionen aufgezeigt.“

Das hört sich abstrakt an, aber Melchers versichert: „Es funktioniert wirklich so!“ Und weil es für den Gastgeber auch sinnvoll sein soll, erwartet Melchers nach einem abgeschlossenen Gespräch einen Brief, in dem der Fragesteller seine Frage selbst beantwortet.

Anfragen bekommt Melchers inzwischen aus ganz Deutschland, die meisten aber aus Nord-rhein-Westfalen. Und wer fragt so an? Melchers unterscheidet zwei Gruppen: Die eine besteht aus denjenigen, die eine Lebensberatung wünschen. Zu 80 Prozent sind das Frauen und mehrheitlich sind es Menschen ab dem 30. Lebensjahr, aus allen sozialen Schichten. Melchers legt Wert darauf, dass er kein Fachgespräch führt, wie es an Universitäten stattfindet. Und auch keine Vorträge hält. Er beschreibt es so: „Es ist bestimmt ein total gutes Gefühl, Amerika zu entdecken. Ich glaube, Kolumbus hat gesagt: `Super´, auch wenn er nicht wusste, dass es Amerika ist. Der philosophische Praktiker kann jetzt versuchen, den anderen in die Lage zu versetzen, Amerika ein zweites Mal zu entdecken. Auf der anderen Seite kann er aber auch Abkürzungen zeigen. Also, Sie müssen nicht durch die ganze Philosophiegeschichte rasen, um am Ende zu dem Schluss zu kommen, dass eine bestimmte moralische Anschauung für Sie richtig und begründet ist.“

Die zweite Gruppe derjenigen, die ihn anrufen, sind mehr an allgemeinen Fragen interessiert. Diese Gruppe ist jedoch bedeutend kleiner. Es gab da zum Beispiel mal einen Mann, erzählt Melchers, der ein begeisterter Anhänger von Friedrich Nietzsche ist. Als seine Familie diese Leidenschaft kaum mehr ertragen konnte, beschloss sie, ihm einen Gesprächspartner zu besorgen – und fand Melchers. „Das sind dann aber doch eher Ausnahmen.“

Weil er anfangs überhaupt nicht einschätzen konnte, wie sein Projekt ankommt, hat sich Melchers noch im Jahr der Gründung von „Sinn auf Rädern“ weitere Arbeitsfelder geschaffen. Im Bonner Kultur-Bistro „Pauke“ startete, zunächst als Versuch, sein „Philosophisches Café“. Heute kommen zu jedem Treffen zwischen 50 und 80 Menschen, gestern, am 15. August, gab es die 120 Veranstaltung.

Der Ablauf folgt einem immer gleichen Ritual: Melchers stellt zu einem Thema, zuletzt hieß es zum Beispiel „Weisheit“, drei Thesen vor. Zwei sind seriös, eine eher provokant. Und daran entzündet sich dann die Diskussion. Melchers hält sich dabei dezent im Hintergrund. Mittlerweile gibt es weitere Treffen dieser Art im Köln-Bonner Raum.

Nicht erwartet hat der philosophische Praktiker, dass seine Arbeit auch bei Institutionen Interesse weckt. Das können Bauernverbände sein, die über das Verhältnis Natur und Mensch reden wollen. Oder Bedienstete im Gesundheitswesen, die einen Austausch über Gentechnik und Menschenwürde wünschen.
Und an wen wendet sich der Philosoph, wenn er selber einmal eine elementare Frage besprechen will? Melchers lacht: „An meisten aller-allerbesten Freund! Und der ist kein Philosoph.“                          
      © Sinn auf Rädern/BelKom