Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 24.11.2017
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Entweder.Oder? www.gag-koeln.de vom 21.01.2017
Was ist Toleranz? Diese absolut zeitgemäße Frage stellten sich die Teilnehmer des „Philosophischen Cafés“ am 19. Januar 2017, zu dem Markus Melchers („Sinn auf Rädern“) eingeladen hatten.

Melchers (Jahrgang 1963) lebt, lehrt und liest in Bonn. Er ist, so schätzt er es selbst ein, einer der ganz wenigen philosophischen Praktiker in Deutschland, die von ihrer Tätigkeit leben können. Unter dem programmatischen Titel „Sinn auf Rädern“ bereist er bereits seit 1998 vor allem den Westen der Republik, um lebensnahe philosophische Beratung zu geben. 2017 wird er dabei insgesamt dreimal die Kulturkirche Ost beehren. Weitere Termine sind der 22. Juni zum Thema „Chaos und Ordnung“ und der 19. Oktober mit der Überschrift „Das Fremde und das Eigene“.

Die Teilnehmer am „Toleranz“-Café mühten sich redlich um eine überzeugende Eingrenzung des Begriffs. „Toleranz bedeutet, etwas zu ertragen, was ich eigentlich nicht will.“ Diese Definition bot Melchers an. Dabei betonte er besonders das Wort „ertragen“: „Das ist etwas anderes als erdulden. Ich muss auch bereit sein dazu. Toleranz braucht also meine aktive Bereitschaft.“

Toleranz vs. Gleichgültigkeit

Demnach, so stellte ein Zuhörer süffisant fest, würde der Begriff in Köln meist missverstanden.  „Man sagt dem Kölner ja nach, er sei nicht tolerant, ihm ist nur alles egal.“ So kam die Runde schnell auf die Gretchenfrage: Wohin mit den Religionen? Schließlich zeichnen sich das Christentum in der Vergangenheit und radikale Teile des heutigen Islam ja dadurch aus, dass sie anderen Glaubensrichtungen gegenüber wenig Toleranz zeigen. Melchers formulierte die Frage offen: „Ist der Versuch, andere von meinem Denken zu überzeugen, schon ein Verstoß gegen Toleranz?“

Nicht unbedingt. Da waren sich die Diskutanten einig. Weitgehend auf Zustimmung stieß folgende Formulierung: „Ich darf solange tolerant sein, bis die Freiheit eines einzelnen eingeschränkt wird.“ Dies führte zu einer ganzen Reihe von Erkenntnissen: Toleranz ist endlich. Die Grenzen der Toleranz sind fließend. Es gibt einen Unterschied zwischen privater, gesellschaftlicher und politischer Anwendung von Toleranz. Zumindest auf gesellschaftlicher und politischer Ebene sollte sie etwas Grundsätzliches sein, also bestimmten, von der Mehrheit akzeptierten Regeln folgen.

Melchers verwies in diesem Zusammenhang auf zwei grundlegende Texte. Die englischen Philosophen John Locke (1632-1704, Letter Concerning Toleration) und Thomas Hobbes (1632-1704, Leviathan) unterschieden zwischen religiöser Toleranz und der Toleanz im öffentlichen Raum. Erstere muss demnach weniger nachsichtig sein. „Toleranz hängt also vom Regelwerk ab, in dem sie ausgeübt wird“, sagte Melchers und fragte: „Muss man auch intoleranten Menschen gegenüber toleranz sein?“ In Zeiten von AFD, Trump und Erdogan eine berechtigte Frage.

Melchers beantwortete sie mit einem Begriff aus der griechischen Philosophie. Dort findet man das Wort „Großgesinntheit“. Demnach solle man auch solche Gedanken ins eigene Denken aufnehmen, die man eigentlich für falsch hält. „Das heißt nicht, dass man sie plötzlich für richtig halten muss, aber man sollte sie zumindest erwägen.“

Europa vs. Asien

„Mir qualmt der Kopf“, stöhnte ein Diskussionsteilnehmer, als die Rede auf die Unterschiede zwischen europäischer und asiatischer Philisophie-Tradition kam. „Wir Europäer denken immer nur Entweder-Oder. Die Asiaten denken Sowohl-Als-Auch.“ Melchers hab ihm Recht. „Die westliche Wissenschaft ist vom Diskurs geprägt. Die Asiaten haben sehr stark das Meister-Schüler-Prinzip.“

In diesem Sinne zitierte Melchers zum Abschluss zwei Meister ihres Fachs: Der Satz „Toleranz ist die Nächstenliebe der Intelligenz“ stammt vom französischen Denker Jules Lemaître, der zweite Satz von einem Unbekannten: „Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere Überzeugungen.“ In diesem Sinne ist Toleranz also purer Eigennutz. Warum nicht?
(Sebastian Züger)
      © Sinn auf Rädern/BelKom