Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 24.11.2017
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„Haben wir einen freien Willen?“, Aachener Nachrichten vom 4. und 5. Juli 2009

Philosophische Soiree mit dem „ambulanten Sinnkurier“ Markus Melchers.
Von Nina Krüsmann

Herzogenrath. Dass Philosophie nicht nur etwas für Leute ist, die über der realen Welt schweben, stellte der Bonner Philosoph Markus Melchers im Klösterchen eindrucksvoll unter Beweis.
Zur Frage «Haben wir einen freien Willen?» traf sich der philosophische Fachmann, der lange in Herzogenrath gelebt hat, erstmals mit Interessierten zum Philosophischen Café.

«Philosophie hat nicht nur im geschützten Raum der Schule oder Universität ihre Berechtigung. Diese Wissenschaft hat etwas mit dem Leben der Menschen zu tun», betont Melchers, der seit mehr als zehn Jahren mit philosophischen Abenden auf Tournee geht.

Anfängliche Treffen entwickelten sich zum Selbstläufer, da das Angebot vergeblich seinesgleichen suche. Melchers ist auch «praktischer Philosoph»: «Gegen ein festgelegtes Honorar mache ich Hausbesuche oder führe Telefongespräche mit Kunden, um etwa ein gedankliches Problem zu lösen.»

Als «ambulanter Sinn-Kurier» bietet der 45-Jährige auch Geburtstagsreden oder Vorträge in Firmen an - «Sinn auf Rädern» nennt sich dieses Angebot.

Der Abend in Herzogenrath beginnt mit drei philosophischen Thesen. «Unser Leben ist eine Linie auf der Oberfläche der Erde, die zu beschreiten uns die Natur befiehlt und von der wir keinen Augenblick abzuweichen vermögen», zitierte Melchers Baron Holbach.

«Willensfreiheit heißt, dass die Zukunft jetzt nicht gewusst werden kann», lautet Wittgensteins Ansatz zum Thema. «Denken Sie doch, was Sie wollen, Sie denken doch nicht was Sie wollen», lautet Melchers dritte These, zu der er von einem Graffiti inspiriert wurde.

Freiheit und ihre Facetten

«Und jetzt sind Sie dran!», fordert der studierte Philosoph auf. «Ich verstehe mich mehr als Moderator, möchte Impulse geben, damit wir miteinander ins Gespräch kommen.»

Philosophisches Vorwissen ist nicht erforderlich, es reicht gesunder Menschenverstand und Interesse, sich auf die Diskussion einzulassen. «Da mein Mann privat gerne philosophiert, ist dieser Abend das perfekte Geburtstagsgeschenk für ihn. Wir sind sehr gespannt, was uns erwartet», freuen sich Inge und Ralf Zanders aus Übach-Palenberg. Wie so ein Abend verläuft und, welche Antworten gefunden werden, ist auch für den Moderator spannend.

«Antworten stehen nicht im Vordergrund, das Gespräch an sich ist wertvoll», erklärt Melchers. «In Bonn, wo regelmäßig bis zu 80 Leute von jung bis alt, darunter viele Stammgäste, kommen, kennt man sich schon, dann ist es einfacher. Hier müssen wir erst einen Einstieg finden.»

Das klappte aber schnell und ohne jede Scheu. Melchers saß wie seine Gesprächspartner an einem gedeckten Tisch. «Wichtig ist auch, dass das Gespräch immer fair, niveauvoll, höflich und offen verläuft.» Fachwörter werden erklärt, damit auch philosophische Laien das Gespräch nachvollziehen können.

Eines ist sicher: Am Ende kommen alle klüger heraus, als sie gekommen sind. «Einer allein kann nicht alles denken, deshalb ist so ein Gespräch unheimlich inspirierend, man lernt neue Denkweisen kennen», resümiert Melchers.

Man habe in zwei Stunden gelernt, dass so ein unscheinbares und gängiges Wort wie «Freiheit» viele Facetten hat. «Freiheit muss nicht bewiesen werden, sie muss nur aufgeklärt werden», schloss Melchers nach einer leidenschaftlichen Diskussion unter anderem über die Naturgesetze, die Rolle von Gott und den Gesetzen der Willensbildung mit einem Zitat von Ernst Tugendhat.

      © Sinn auf Rädern/BelKom