Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Das Café der Philosophen; Rhein-Zeitung vom 12. Februar 2007
Im Konradhaus treffen sich einmal im Monat Menschen, um zu diskutieren
KOBLENZ. Philosophie, das ist was für Leute, die mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wissen, als sich Gedanken über Gott und die Welt zu machen, und die sich dabei am liebsten in einem Elfenbeinturm fernab der rauen Wirklichkeit verschanzen. Dass Philosophie auch anders funktionieren kann, nämlich mitten im Leben und aus dem Leben heraus, demonstrieren landauf, landab seit den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts mittlerweile mehr als 150 "Cafés Philosophiques" - inspiriert durch den französischen Philosophen Marc Sautet, der in Paris im "Café des Phares" erstmals zu einem solchen "philosophischen Kaffeekränzchen" einlud.
Was Paris, Düsseldorf und anderen Städten billig ist, könnte auch Koblenz nur recht sein, dachten sich vor sieben Jahren Dr. Hartmut Bierschenk und Dr. Mathias Jung. Der eine ist von Haus aus Techniker, der andere unter anderem im Dr.-Bruker- Haus in Lahnstein mit philosophischen Themen und Lebensfragen beschäftigt. Sie riefen auf den Spuren Sautets im Konradhaus in Ehrenbreitstein im August 2000 ihr eigenes Café Philosophique ins Leben. Seitdem treffen sich Philosophie-Interessierte regelmäßig an jedem ersten Sonntag im Monat von 16 bis 18 Uhr, um miteinander über die unterschiedlichsten Themen zu philosophieren.
Um Glück ging es beispielsweise in der ersten Veranstaltung, um das, was den Menschen zum Menschen macht, in einer anderen, auch um das Recht auf Freiheit, Glauben und Vernunft, um Krieg und Frieden, Heimat, Abschied, Sprache oder Schönheit.
"Wir erwarten von den Gesprächsteilnehmern keine philosophische Vorbildung, jeder soll sogar aus seiner eigenen Erfahrung heraus argumentieren", erklärt Mitinitiator Hartmut Bierschenk. Ihm selbst habe nach dem Studium eine solche Möglichkeit zum philosophischen Diskurs gefehlt. "Das war für mich ein Grund, in Koblenz so etwas einzurichten." Dass die Idee so gut funktionieren und auf so viel Interesse stoßen würde, war dabei noch nicht abzusehen.
Erst kürzlich haben sich, trotz Weltmeisterschaftsendspiel im Handball, 40 bis 50 Teilnehmer aller Altersklassen im Koblenzer Konradhaus eingefunden. Der Frauenanteil überwiegt, wie bei den meisten kulturellen Veranstaltungen. Sie stellen sich noch dazu einem Thema, dem man ansonsten gerne ausweicht. Es geht um "Willensschwäche" (griechisch "Akrasia"), das Handeln wider besseres Wissen.
Markus Melchers, praktizierender Philosoph aus Bonn, der zum Moderatorenstamm gehört, kitzelt die Diskussion mit einigen Zitaten an. Etwa mit Sokrates, den Platon in seinem Dialog "Protagoras" Zweifel daran äußern lässt, ob ein Mensch aus freier Wahl heraus überhaupt fehlen, etwas Schlechtes oder Böses wollen könne, auch mit Johann Gottlieb Fichte, für den die Selbstbeherrschung die Wurzel aller Sittlichkeit ist.
Das sich entwickelnde Gespräch ist erfrischenderweise überhaupt nicht theorielastig, sondern ganz praxis- und erfahrungsorientiert. Wohl deshalb findet die Willensschwäche, die sich für Aristoteles vor allem bei den unteren Begierden, beim Essen, Trinken und beim Sex offenbart, auch ihre Verteidiger. "Selbst wenn ich weiß, dass dieses Törtchen für meinen Körper vielleicht nicht so gut ist, esse ich es doch, weil es mir gut schmeckt und meiner Seele wohl bekommt." Nicht unbedingt ein sokratisches Argument, aber eines, das eines Café Philosophique würdig ist.
   Lieselotte Sauer-Kaulbach

 
 
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