Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 20.09.2017
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Sinn(er)finder: Kopfarbeit auf der Bühne und im Saal; Aachener Zeitung vom 8.12.2014
Jülich. Harmonieren ein Schauspieler und ein Philosoph im Dialog miteinander, wenn das Publikum die Stichwörter vorgibt und so den Verlauf bestimmt? Im Fall von Benno Kalisch und Markus Melchers darf man die Frage getrost bejahen.
Der freie Schauspieler und der zunächst etwas schüchterner wirkende philosophische Lebensberater sind wirklich „Sinn(er)finder“, wie sie sich in ihrem Improvisationsschauspiel selbst benennen. So hatte Elke Bennetreu in ihrer Einführung nicht zu viel versprochen, als sie die ausklingende Veranstaltungsreihe der Evangelischen Erwachsenenbildung im Format einer kulturellen Freitagsvesper als „gänzlich anderes Programm“ ankündigte. Die Gäste im gut gefüllten Saal des Bonhoefferhauses erlebten Kultur mit ernsthalter Leichtigkeit und humorvollem Tiefsinn, gewürzt mit einer Prise Humor.
„Der Sinn ergibt sich so. Etwas wird zu einer Geschichte, wenn man es nachher reflektiert“, versprach das Duo nicht zu unrecht. Das Publikum gab das erste Stichwort: „Gelassenheit“. Sogleich nahm Melchers, der unter anderem weit über 450 philosophische Veranstaltungen alleine in Bonn moderierte, den Faden auf und deutete den Begriff aus negativer und positiver Sicht. „Wie grenze ich Gelassenheit von Gleichgültigkeit ab? Oder ist Gelassenheit ein besseres Verhältnis zu den Menschen, zur Welt und nicht zuletzt zu sich selbst?“
Diese rhetorische Frage fand sich in der Geschichte wieder, die der freie Fernsehschauspieler, Sprecher und Bühnengeschichtenerfinder Kalisch improvisierte. „Er befand sich in der ersten Woche seiner Reha, hatte sich ein Kloster ausgesucht. Hier werd' ich mal so richtig gelassen werden, nahm er sich vor...“ Es ging weiter mit dem „Wechselspiel zwischen Ahnung und Erkenntnis“ und der Begriffsdeutung durch den Philosophen Prof. Wolfram Hogrebe. Durch einen Versprecher brachte Melchers der Begriff „Anus“ ins Spiel, der sofort in der Geschichte des Witwers in der Reha Verwendung fand: „Zwischen Anus und der Erkenntnis, du musst auch mal ein Arsch sein...“.
Melchers entwickelte seine nächste tiefsinnige Komponente aus der antiken Philosophie und dem „Wohnen bei sich selbst“. Daraus interpretierte Kalisch einen rockigen Song über ein „plüschiges Sofa“ und begleitete seinen Gesang auf der Gitarre. „Kantianer“ Melchers thematisierte die „intersubjektive Verständigung“ des Immanuel Kant, philosophierte über „interessenloses Wohlgefallen“. Schließlich band er das aus dem Publikum stammende Fantasiewort „Repensator“ mit ein, das sich in der Geschichte als nicht näher definierter Beruf wiederfand.
In der zweiten Halbzeit nach der „Vesper“ mit belegten Broten und Tee dienten aus dem Publikum angereichte Gegenstände als Basis für die „Sinn(er)finder“. Der ausgefallenste Gegenstand war eine Zahnzwischenraumbürste als Protagonist in einem Märchen im Königspalast. Dort reinigte die Bürste den „komplett sterilen“ Mundraum des Königs, der stets viele Damen um sich scharte. „Der Mensch ist, was er isst“, folgerte daraufhin Melchers, basierend auf der These des religionskritischen Philosophen Ludwig Feuerbach, der die Persönlichkeitsentwicklung und -struktur auf die Nahrung zurückführt. Melchers regte zur  anthropologischen Frage an: „Warum essen Sie eigentlich Ihren Gott (in der Kommunion)?“ Sogleich fand er selbst die Antwort: „Um ein bisschen vom Göttlichen spüren zu können“.   (ptj)
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