Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Sinn auf Rädern. Der ambulante Philosoph kommt ins Haus; Landwirtschaftszeitung Nr. 35-2011

Dass die Philosophie immer den faden Beigeschmack der brotlosen Kunst hat, hat den Bonner Philosophen Markus Melchers immer schon geärgert. Ebenso der mangelnde Praxisbezug in der Uni. Er radelt seit etwa 15 Jahren als hauptberuflicher ambulanter Philosoph durch Bonn und hilft, wo er gerade gebraucht und gerufen wird. „Sinn auf Rädern“ nennt er diesen Service. Mittlerweile erstreckt sich sein Wirkungsgebiet über den gesamten Köln-Bonner Raum, dann natürlich mit dem Zug.

Hilfen für den Alltag

„Manchmal denke ich, manchmal bin ich“, dieses Zitat trifft wohl so ziemlich auf jeden zu. Bei Markus Melchers nimmt aber das Denken einen Großteil des Tages ein. Immerhin haben seine Gastgeber – so nennt er die, die ihn um Hilfe bitten – Fragen in den unterschiedlichsten Bereichen. Ein Mann fragte zum Beispiel bei einem Gespräch unter vier Augen: „Bin ich meiner Mutter gegenüber über den Tod hinaus verpflichtet?“ Die Frage klingt erst einmal einfach, wenn man jedoch in die tiefe geht, wird sie immer kniffliger. „Meine erste Frage war: was verstehen Sie unter Verpflichtung? Und als das nach und nach geklärt wurde, konnten wir uns darüber verständigen, ob die Verpflichtung tatsächlich mit dem Tod desjenigen beendet ist, dem man ein Versprechen abgegeben hat.“ Ergebnis dieses Treffens: Ja, der Mann fühlte sich seiner Mutter auch über den Tod hinaus verpflichtet, aber die Einstellung zu dieser Verpflichtung hat sich durch das Gespräch mit Markus Melchers verändert, sie ist klarer und selbstverständlicher geworden.

Der ambulante Philosoph, wie er sich selbst nennt, wirkt nachdenklich, zurückgenommen, fast schüchtern. Im Gespräch aber blitzen immer wieder sein Humor und sein enormes Wissen auf. „Gastgeber“ nennt er die, die bei Therapeuten „Patienten“  heißen. Eine Praxis mit Wartezimmer und Behandlungsraum wollte er nie haben. Wenn er zu den Menschen hinradelt, ist die Gesprächssituation eine ganz andere und  –  wie er findet – bessere. „Wenn ich Gast bin, verhalte ich mich anders als wenn ich das nicht bin, was nicht heißt, dass ich mich sonst ungebührlich verhalte. Und wenn ich Gastgeber bin, das kennt ja auch jeder, verhält man sich ja auch anders, als wenn man in Anführungsstrichen einfach so ist.“ So gibt es für seine Beratungsgespräche ganz unterschiedliche Umgebungen. Manchmal sind es die eigenen vier Wände des Gastgebers, manchmal auch der Rhein, ein Park oder ein Café.

Die Sprachen der Philosophie

Was die Gastgeber von ihm erwarten, ist nicht so sehr, dass Melchers als Heiler oder Therapeut auftritt, sondern eher dass er je nach Situation Denkanstöße aus verschiedenen philosophischen Richtungen gibt. Dabei schöpft er aus dem Vollen: Er stellt dar, was zum Beispiel Aristoteles, Kant oder Hegel zu einem bestimmten Thema gedacht haben. Dazu verwendet die Sprache und Gedankenwelt der jeweiligen Philosophen. Ziel ist, dem Gastgeber für eine Fra-ge mindestens eine Perspektive zu geben, die ihm sonst im Alltag von niemand anderem ge-boten wird. Er soll mindestens eine neue Handlungsoption begründet denken können, um für seine Entscheidung eine Handlungssicherheit zu gewinnen.

Ausnahmen bestätigen die Regel, und so gab es einen Gastgeber, der keine Handlungsoption brauchte, sondern einen Gesprächspartner. Er hatte ein Faible für Nietzsche und ging seiner Familie damit ziemlich auf die Nerven, die daraufhin über die Aktion „Denken schenken“ auf Markus Melchers zukam. „Also das war das merkwürdigste Erlebnis beim ´Denken schenken`, aber für meinen Gastgeber ein sehr zufrieden stellendes und für mich auch.“ Der Philosoph und der Nietzsche-Fan trafen sich; sie sprachen und dachten mehrere Stunden lang zusammen. Beide waren entzückt darüber, wie gut beim anderen die Kenntnisse über die Sekundärliteratur zu den Nietzsche-Werken waren. „Geheilt“ wurde der Gastgeber zwar nicht von seiner Leidenschaft, aber ein sehr schönes Erlebnis war es doch für ihn.

Denken im Philosophischen Café     

Die großen philosophischen Fragen werden in den rund zehn Philosophischen Cafés diskutiert, die Melchers im Köln-Bonner-Raum ins Leben gerufen hat. Das im Bonner Kultur-Bistro „Pauke“ war Ende der 90-er Jahre eins der ersten in Deutschland, jetzt ist es das älteste bestehende in Deutschland. Es geht um „Lust und Unlust“, um „Angst“ oder um die Frage „Was ist im Leben wichtig?“ Das Publikum besteht aus 30 bis 70 Diskussions-Teilnehmern mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Markus Melchers gibt drei philosophische Zitate zum Thema in die Runde und greift nur in die Diskussion ein, wenn sie ins Stocken gerät oder aus dem Ruder läuft. „Sehr angenehm ist, dass es hier nicht um ein Zertifikat geht: Herr Schmitz, jetzt haben Sie aber gut gedacht, das alles fällt weg“  Keine Angst und keine Schranken beim Denken; es ist der Austausch unter Gleichen.

Mit seiner Beratung und den Philosophischen Cafés tritt Markus Melchers in die Fußstapfen der alten vorchristlichen Philosophen wie Platon und Aristoteles. Auch sie haben ihre Zeitgenossen denkend beraten, auf Augenhöhe und mit einem aktiven Anteil des Ratsuchenden. Die Liebe zur Weisheit treibt ihn an, und dass er sie so bodenständig mit anderen teilt, macht die Philosophie für viele, die ihn getroffen haben, zu einem wichtigen Teil ihres Lebens.

Philosophisches rund um die Landwirtschaft  

An der Bonner Andreas Hermes-Akademie moderiert Markus Melchers regelmäßig philosophische Abende zu Themen wie „Was ist Natur?“, „Darf ich Fleisch essen?“ oder „Mensch und Tier“. Ist die vom Landwirt geschaffene Landschaft noch als Natur zu bezeichnen oder eher als Kultur? Gibt es überhaupt eine natürliche Haltung von Haustieren?

Zu diesen und anderen Themen kommt es oft zu hitzigen und sehr interessanten Debatten. „Anders als in den Philosophischen Cafés wird hier über die Dinge gesprochen, die den eigenen beruf und die persönliche Existenz betreffen“, sagt Melchers. Er selbst tritt zunächst mit äußerst provokanten Thesen uaf, so dass die Diskutierenden die Schärfe ihres Urteils unter Beweis stellen müssen.

Die Antwort auf die Frage „Was ist Glück?“ hat bei Landwirten übrigens fast immer zuerst mit dem Beruf zu tun. Erst dann kommt das private Glück. „Dem Glück entgegen wirkt aber die Tatsache, dass Landwirte nicht immer das Gefühl haben, so zu handeln, wie sie gerne handeln würden.“ Markus Melchers hat gerade an der Andreas Hermes-Akademie viel über Sachzwänge gehört. Glück wäre – so argumentieren viele – wenn diese Sachzwänge einmal wegfielen.   

Marion Theisen
   

      © Sinn auf Rädern/BelKom