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Das schwere Schenken; Sonntag Aktuell (Baden-Württemberg) vom 13.12.2009

So einfach ist es leider nicht, wenn demnächst mal wieder zig Millionen Präsente überreicht werden. Geschenke können auch danebengehen. Warum eigentlich? Und wie lässt sich das vermeiden?

Von Walter Schmidt

Am einfachsten ist es für kleine Kinder. Sie krakeln etwas aufs Blatt oder pappen ein paar Fetzen Stoff und ein Klopapier-Röllchen zusammen und überreichen das Kunstwerk mit heißem Herzen und den Worten: „Das schenke ich dir.“ Dann drehen sie sich um, gehen ihrer Wege und haben ihre Gabe nach wenigen Minuten wieder vergessen.

Für die meisten Erwachsenen ist das Schenken komplizierter. Denn Präsente können weit mehr, als Freude stiften. Sie können beschämen und überfordern, beleidigen und verletzen. Manche von ihnen sind bei genauem Hinschauen nicht einmal gut gemeint.

„Schenken ist soziales Handeln par excellence“, sagt der Kultur- und Religionssoziologe Professor Gerhard Schmied, der vor seinem Ruhestand an der Universität Mainz tätig war. „Man schenkt, wenn man ein Interesse daran hat, Beziehungen zu bestätigen oder aufrechtzuerhalten“, fügt der 69-Jährige hinzu. 

Geschenke sind eine Art von Kommunikation – und die kann scheitern. Gaben übermitteln Botschaften von Nähe und Distanz, von Wissen und Ahnungslosigkeit. Sie verraten einiges über den, der beschenkt wird, aber viel über den Schenkenden. Das muss kein Vorteil sein.

Manche Menschen können auf ein Talent zum Schenken zurückgreifen, das anderen ein Leben lang versagt bleibt. „Du hast ein gutes Händchen“, heißt es dann. Traumwandlerisch sicher greifen die Begabten zu Mitbringseln, die ins Schwarze treffen. Andere landen immer wieder im Fettnäpfchen, wenn sie Gutgemeintes überreichen. Für sie ist es in einer Gesellschaft des Überflusses und der abertausend Möglichkeiten nicht leichter geworden.

Das Schenken als Tradition stamme aus einer Zeit, „in der man noch nicht alles kaufen konnte“, sagt der Bonner Philosoph Markus Melchers, der seit zehn Jahren als „ambulanter“ Sinn-Kurier seine Kunden auch in praktischen Moral- und Wertfragen berät. Heute aber könne sich der Beschenkte „in der Regel alles selber kaufen“. Das macht es keineswegs einfacher. Denn als Schenkender kann man sich nicht mehr annähernd sicher sein, dass die gute Gabe auch gebraucht wird. Ganz abgesehen davon, dass wählerischer Kindermund heute die Wahrheit ganz unverblümt kundtut und Enttäuschung oder Entsetzen über ein Geschenk nicht immer mildtätig verborgen bleibt. Nicht alle halten das für einen Fortschritt.

Kinder mögen enttäuscht sein, wenn ein Wunsch versagt oder eine Sehnsucht unerkannt bleibt. Erwachsene kann so etwas auf immer beleidigen, und die Etikette erschwert es ihnen obendrein, ihre Gefühle auszudrücken.

Melchers zufolge gibt es auch „vergiftete Geschenke“ – etwa dann, „wenn man einem bedürftigen Freund 50 Euro schenkt“. Oder gar den eigenen Eltern. Geldgeschenke erfreuen eher, wenn sie an einen hübschen Zweck gebunden sind – zum Beispiel eine immer wieder erwähnte Wunsch-Reise.

Die bekannte Redensart: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ enthält zwei wichtige Botschaften. Einmal jene, dass es für gelungene  Zwischenmenschlichkeit überhaupt wichtig ist, etwas zu schenken, zumindest dann und wann. Das stiftet Gemeinschaft, drückt Achtung aus und Nähe – auch wenn nicht verschweigen werden soll, dass manch Schenkender beim Geben darauf hoffen mag, später selber etwas zu bekommen. Mildernder Umstand: Es geht hier meist weniger um Habgier, als um eine Furcht – nämlich nicht respektiert zu werden, am Rande zu bleiben. Oder den Wunsch, später selber Wertschätzung zu erfahren.

Die zweite, vielleicht wichtigere Botschaft aber zielt auf die Größe des Geschenks. „Ein Geschenk muss materiell angemessen sein, sonst geht es schnell in Richtung Almosen,“ urteilt der Soziologe Gerhard Schmied. Große Gaben können überfordern und beschämen. Nur Menschen mit guten Nehmer-Qualitäten – und das heißt: mit großem Selbstbewusstsein – können mit üppigen Geschenken umgehen.

Meist aber wird nur ein Hummelschwarm von Fragen aufgestöbert: Die wichtigste: „Wie soll ich das je wiedergutmachen?“ das ist keine absurde, sondern eine zutiefst menschliche Reaktion. Denn „eine Gabe erfordert immer eine Gegengabe“, sagt Andreas Kuntz, Professor für Volkskunde an der Universität Freiburg.

Menschen fühlen sich leicht in der Schuld des Schenkenden und haben vielleicht weder die finanziellen noch die charakterlichen Möglichkeiten, adäquat zurückzugeben. Für den Philosophie-Praktiker Markus Melchers liegt hier ein „Risiko des Schenkens“, dass im ungünstigen Fall dazu führen kann, „dass der Beschenkte sich nicht mehr meldet“.

      © Sinn auf Rädern/BelKom