Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Philosophisches Café, Die Chance. Zeitschrift des Deutschen Kinderhospizverein e.V., Jahresheft 2009.

Über Glück & Schmerz und andere Lebenswerte

Wer Botschaften aus dem Elfenbeinturm oder alltagsferne Diskussionen in einem Philosophischen Cafe vermutet, der irrt. Kurz und knapp eröffnet der Philosophische Praktiker aus Bonn, Markus Melchers, die Gesprächsrunde im zweiten Philosophischen Cafe des Deutschen Kinderhospizvereins mit drei knackigen Zitaten aus unterschiedlichen Bereichen der Zeit- und Kulturgeschichte, passend zum heutigen Thema „Schmerz“.

1) ... aller Schmerz [ist] seinem Sinne nach Opfererlebnis (Max Scheler)
2) Nenne mir dein Verhältnis zum Schmerz, und ich sage dir, wer du bist (Ernst Jünger)
3) Man klagt so sehr bei jedem Schmerz und freut sich so selten, wenn man keinen hat (Georg Christoph Lichtenberg)

Und dann folgt seine obligatorische Frage ins neugierige Publikum: Und was glauben/denken Sie? Wer hat Recht? Verschmitzt hintergründig fügt er hinzu: Vielleicht keiner? Zu diesem Zeitpunkt  haben die Ersten ihren Kaffee getrunken, den (wie ich glaube) besten Kuchen Kölns gegessen und schon bei Tischgesprächen erste Kontakte mit den Nachbarn geknüpft. In Sonntags-Kaffeehaus-Athmosphäre sitzt man beieinander. Viele sind zum ersten Mal hier.

Ihre Verwirrung dauert nicht lange. Nicht der Fachmann gibt hier (seine) Meinung vor; alle sind zur Wortmeldung eingeladen: zum Hinterfragen vermeintlicher Selbstverständlichkeiten und oft traditionell oder gesellschaftlich vorgegebener Werte. Gemeinsam ergründet man in den nächsten zwei Stunden Erfahrungen, Gedanken und Gefühle – also Alltagsbewusstsein. Was sagen mir Begriffe von Glück, Traurigkeit, Einzigartigkeit, Schmerz oder Leistung? Was sagen sie anderen?

Eine lang gehegte Idee von Eltern des Deutschen Kinderhospizvereins hat damit in Köln zum ersten Mal einen Rahmen gefunden. Alltagsphilosophische Gespräche waren bereits den alten Griechen wichtig zur Erkenntnis, vor allem der Meisterphilosoph Sokrates pflegte Dialoge mit seinen Schülern auf Augenhöhe.

Für die Moderne wiederentdeckte der französische Philosoph Marc Sautet in der 1980 -er Jahren das fruchtbare Prinzip philosophischen Austausches, als er begann in Pariser Cafes mit unbekannten Passanten deren alltägliche Lebensprobleme zu diskutieren. Seine Idee machte auf der ganzen Welt Schule.

Denken mit offenem Ausgang

„Man geht in der Regel schlauer raus, als man reingekommen ist“, sagt Markus Melchers. Er muss es wissen. Mit seinem Unternehmen „Sinn auf Rändern“ bringt er bundesweit bereits seit 11 Jahren philosophisches Denken zu den Menschen in öffentliche Cafes, Institutionen oder auch in ihre Wohnzimmer.

Das Besondere: Jede Meinung ist erlaubt, soweit sie begründet wird. Sie steht im „Cafe“-Raum, gleich gültig zu anderen Meinungen. Oft kann so Neues gedacht werden, ohne dass es zensiert wird. Mal entwickelt sich auf die Weise ein Streitgespräch unterschiedlicher Meinungen, mal eine gemeinsame Verständigung, vor allem dort, wo bisher Sprachlosigkeit herrschte und nur Gefühle von Unbehagen, Unklarheit und Verwirrung „sprechen“.

Das Wichtigste: Der Ausgang dieser Gespräche ist immer offen. Das bereitet Boden für Spannendes und Überraschendes, weiß Melchers.

Ungedachtes & Ungesagtes

Nach Köln zog es dafür nun schon zum zweiten Mal Menschen aus der ehrenamtlichen Arbeit, Eltern, Geschwister, an Kinderhospizarbeit Interessierte, Angehörige und Fachleute.  Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher beruflicher und persönlicher Erfahrungen und Interessen reden im Philosophischen Cafe  miteinander, lachen, hören zu, stimmen zu, streiten und ringen ehrlich um Worte und angemessene Begriffe.

An die Öffentlichkeit holen sie auf die Weise auch tiefgreifende Lebensfragen, die woanders keinen Platz haben oder nicht gesehen werden. Manchmal haben solche Fragen im Alltag noch nicht einmal eine Formulierung gefunden, weil sie den Atem stocken lassen:

Können Kinder mit einer lebensverkürzenden Erkrankung glücklich sein? Können wir den Schmerz unserer Kinder fühlen oder ist es unser eigener Schmerz? Wohin führt uns der Schmerz? Verändern lebensverkürzende Erkrankungen eigene Wünsche nach Glück und Zufriedenheit? Können wir eigenes Glück vielleicht nur angesichts des Unglücks erfahren? Entwickeln Familien mit lebensverkürzt erkrankten Kindern andere Glückskonzepte als ehrenamtliche oder professionelle Begleiter, als Angehörige oder Nachbarn? Leistung und Lebensverkürzung im Kindesalter – Wie passt das?

Sicherheit, die trägt

Der berühmte amerikanische Schriftsteller John Steinbeck sagte einmal „Es gibt Menschen, die in Erfahrungswelten leben, die wir nicht betreten können.“

So gerne wir uns das anders wünschen, aber ich glaube das auch. Für mich gehören zu diesen Menschen Kinder, wenn sie ihren letzten Weg gehen. Für Außenstehende sind es oft die Erfahrungswelten der betroffenen Familien, die ihnen fremd bleiben. Menschen, die sich ihrer besonderen Arbeit in den Familien widmen, können ihre so andere Erfahrungswelt Unbeteiligten auch meist nur schwer erklären. Viele erleben eine solche Lebens-oder Berufssituation tiefgreifend und werteverändernd.

Im Kleinen wie im Großen

Menschen bleiben mit diesen umwälzenden Erfahrungen und starken Grenzen erleben jedoch oft alleine. „Für jeden von uns ist es jedoch wichtig, sich den eigenen Werten und Haltungen zu vergewissern, damit sie durchs Leben tragen können. Besonders in Krisen und Umbruchphasen“, erklärt Melchers. Im Kontakt mit anderen Menschen helfe dafür nicht nur Sicherheit in der eigenen Haltung, sondern auch in den eigenen Argumenten. Philosophie beweist in beiden Punkten Alltagstauglichkeit: Sie bietet Orientierung, Sicherheit und Kommunikationshilfe. Nicht nur im Gespräch mit den Freunden oder dem Nachbarn. Oft schwingen in den überraschenden Wahrheiten größere Dimensionen mit; weil dabei auch gesellschaftliche Deutungen, Stigmatisierungen und Vorurteile angesichts einer Lebensverkürzung in Frage gestellt werden.


Die Zitate für das erste Philosophische Cafe „Glück“ waren

1) Glück(seligkeit) ist ein andauerndes Fortschreiten von einer Begierde zur anderen
    (David Hume)
2) Der glückliche Mensch lebt sachlich (Bertrand Russell)
3) Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde (Deutsches Sprichwort)

Ines Nowack

      © Sinn auf Rädern/BelKom