Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Ein Denker und die alternativen Fakten, General-Anzeiger Bonn vom 25.04.2017
Zwei Stunden mit Markus Melchers im philosophischen Café
VON STEFAN HERMES
BONN. „Schließlich braucht der Mensch doch etwas, worauf er bauen kann, wovon er sicher weiß, dass es am Morgen da ist“, zitierte der Bonner Philosoph Markus Melchers aus dem Roman „Der fremde Gott“ von John Steinbeck und leitete damit sein 224. Philosophisches Café im Pauke-Kultur-Bistro ein.

An die 40 Interessierte jeden Alters drängten sich an den Tischen des kleinen Bühnensaals, von denen sich schließlich an die zehn mit ihren Gedanken zum Thema „Fakten und Fiktion“ im Verlauf der zweistündigen Diskussionsveranstaltung äußerten. Die anderen dachten mit. Es herrschte eine angespannte Stille, bis die erste Wortmeldung kam mit einer komplexen und komplizierten Erklärung, Fakten als Tatsachen zu beschreiben, die erst dadurch „tatsächlich“ werden, indem sie mit Fiktionalem zusammenkommen.

Schon vor Monaten hatte Melchers das Thema „Fakten und Fiktion“ für den Abend festgelegt – zu einer Zeit, als noch nicht absehbar war, dass der geplante philosophische Diskurs durch die kürzlich geprägten Begriffe der „alternativen Fakten“ oder „Fake-News“ nun so hochaktuell sein würden. Doch auch Themen der Philosophischen Cafés wie „Wunsch und Wirklichkeit“, „Macht Arbeit glücklich?“ oder „Wer sagt mir, wer ich bin?“ bieten immer die Möglichkeit, aktuelle Bezüge herzustellen.

Seit dem ersten Philosophischen Café, das bereits 1998 stattfand und heute in vielen Städten regelmäßig zum Denken und Diskutieren einlädt, ist es die erklärte Absicht des philosophischen Praktikers Melchers, „Themen zu erörtern, die alle angehen, aber in der akademischen Philosophie nicht oder nur schwer verständlich diskutiert werden“.

Damit entspricht der heute 53-Jährige, der an der Bonner Universität seinen Magister in Philosophie ablegte und wenige Jahre später eine Philosophische Praxis eröffnete, ziemlich genau der Definition eines Philosophischen Praktikers, die der dazugehörige Berufsverband als ein Angebot beschreibt, in dem „Fragen, Denkweisen und Einsichten sinngebend erfahrbar gemacht“ werden.

Analog zu „Essen auf Rädern“ hat Melchers seine Praxis „Sinn auf Rädern“ genannt und macht damit seine „Beweglichkeit“ in mehrfacher Hinsicht deutlich. So gehört es zu seinem Berufsalltag, dass er nicht nur Vorträge hält, Bücher schreibt oder Philosophische Cafés veranstaltet, sondern auch individuelle Hilfe durch philosophische Gespräche, Erkenntnisse und Fragestellungen gibt. Von seinen als „Gastgeber“ bezeichneten Klienten haben viele schon psychotherapeutische Erfahrungen gemacht, bevor sie sich an den Philosophischen Praktiker wenden. „Soll ich in meinem Alter noch mal den Beruf wechseln?“, ist eine Frage, für die ein 57-jährigen Anwalt, der immer schon Tischler werden wollte, das philosophische Gespräch als Entscheidungshilfe ebenso sucht wie eine Frau, die wissen möchte, ob sie ihrer Mutter noch über deren Tod hinaus verpflichtet ist.

Markus Melchers sucht nicht nach den Fehlern im Denken seiner Gesprächspartner. Er macht das Angebot, gemeinsam zu denken. So erlebten auch die Teilnehmer des Philosophischen Cafés anregende Beiträge, lernten die Sichtweisen ihrer Mitmenschen kennen und konnten dabei ihre Haltung zu Tatsachen und Lügen überprüfen.

Nachdem kontrovers und auch einvernehmlich diskutiert wurde, schloss Melchers mit einem Zitat von Robert Lembke: „Man soll sich nicht durch eine Tatsache beirren lassen, wenn man sich einmal eine Meinung gebildet hat.“ Und der Applaus für den Philosophen bewies: Humor hilft immer.
      © Sinn auf Rädern/BelKom