Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Das philosophische Cafe als außerschulischer Lernort; Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik; 1 - 2013
von Patrick Baum

Das philosophische Cafe ist nicht nur ein ehrwürdiger und beliebter Raum öffentlichen Philosophierens jenseits von Schule und Hochschule, sondern auch ein ausserschulischer Lernort, den Lerngruppen mit Gewinn aufsuchen können. Dort machen die Schüler andere Denk-Erfahrungen als im Klassenraum, was interessante und produktive Synergieeffekte ermöglicht.

1. Von der Kaffeehausphilosophie zum philosophischen Cafe

Im Studium pflegten manche Professoren diejenigen Philosophen, denen sie gedankliche Tiefe und Relevanz absprechen wollten, abfällig als »Kaffeehausphilosophen« zu titulieren; der Ausdruck sollte offenbar die philosophische Reflexion der so Benannten als unverbindliche Plauderei kennzeichnen und in die Nahe des Stammtischgesprächs rücken. Das Cafe, so die hier zugrunde liegende Überzeugung, ist nicht der Ort tiefer Gedanken und ausgefeilter Argumente.

Wer unter »Kaffeehausphilosophie« freilich nur eine Form denkerischen Dilettierens- in Abgrenzung vom professionellen Philosophieren - versteht, der verkennt, dass das Kaffeehaus als Ort der Philosophie eine höchst ehrwürdige Tradition hat. Im Zeitalter der Aufklarung etabliert es sich als Bühne für die »gekonnte Inszenierung des neuen bürgerlichen Selbstverständnisses«, die man aufsucht, »um über Themen der Kunst und Literatur, aber auch über philoso-phische und politische Fragen zu debattieren« (Annette Meyer: Die Epoche der Aufklärung. Berlin: Akademie 2010). Die Aufklärer selbst haben die Relevanz dieses Ortes früh erkannt, der gar einem philosophischen Journal den Titel gegeben hat: »Il Caffe«, zwischen 1764 und
1766 in Brescia und Mailand erschienen, steht für »ein neues Programm des Philosophierens«. (Wolfgang Rother: Publizistik im Dienste der  Aufklarung. Zum philosophischen Selbstverständnis der Zeitschrift II Caffe. In: Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.): Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter 2008. S. 243). Die Philosophie zieht aus den »Studierstuben und Hörsälen« (Ebd.S.244) aus und entdeckt das Cafe als einen »die traditionelle Institutionalität transzendierende[n], zu gleich öffentliche[n] und privat-intime[n] Ort, in dem ein neuer Typus des Philosophen verkehrt [. ..].« ( Ebd.) Die von ihm vertretene Kaffeehausphilosophie »soll weniger belehren als vielmehr erfreuen« (Ebd. S. 245) -, aber immer mit dem Ziel, die Aufklarung zu fordern und zu verbreiten.

An diese Tradition knüpfen die philosophischen Cafes unserer Tage implizit an (auch wenn sie sich expressis verbis eher am Sokratischen Philosophieren orientieren); sie verstehen sich ebenfalls als Orte der (Volks-)Aufklärung. Der franzosische Philosoph Marc Sautet hat die Idee des philosophischen Cafes in den i99oer Jahren wieder populär gemacht; in seinem Buch »Ein Cafe für Sokrates. Philosophie für jedermann« berichtet er von den Veranstaltungen, die er im Pariser Cafe des Phares seit 1992 durchführt (Vgl. Marc Sautet: Ein Café für Sokrates. Philosophie für jedermann. München: Siedler 1999). Das Publikum besteht nicht aus Berufsphilosophen, sondern ist im Gegenteil eine bunte Mischung, wie man sie typischerweise im Cafe antrifft. Gesprochen wird vor allem über das, was für die Anwesenden existenziell bedeutsam ist oder sie gerade konkret angeht: Ist Gewalt universell oder typisch menschlich? Welche Bedeutung hat der Tod fürs Leben? Was ist ein Außenseiter?

Parallel zu den Pariser Cafes haben sich auch in Deutschland sehr erfolgreiche philosophische Cafes etabliert, zum Beispiel in Berlin (seit 1997) oder Bonn (seit 1998).
Die Verfahrensweisen differieren dabei zum Teil erheblich: Bei Marc Sautet werden die Themen vom versammelten Publikum spontan festgelegt (Vgl. ebd., S. 28), Lutz von Werder, Organisator der Berliner Cafes, integriert Übungen zum kreativen Schreiben in den Ablauf der Veranstaltung, weil diese die Reflexion anregen und in geordnete Bahnen bringen sollen (Vgl. von Lutz Werder: Das philosophische Cafe. Ein kreativer Weg zur Philosophie. Berlin/ Milow/Straßburg: Schibri 2: Auflage 2011, S. 30).

Das Bonner philosophische Cafe schließlich beginnt mit drei von Moderator Markus Melchers ausgewählten Zitaten, zu denen sich die Diskutanten zunächst äußern, um von dort aus eigene Denkwege zu gehen (Das Verfahren hat Peter Sloterdijk, ob wissentlich oder unwis-sentlich, für sein »Philosophisches Quartett« mit Rüdiger Safranski entlehnt). Andere philosophische Cafes nehmen gar Vortrage von Fachphilosophen zur Grundlage der Diskussion - etwa das von dem Bonner Philosophieprofessor Christoph Horn mitbetreute philosophische Cafe in Lorrach (Vgl. Dilbahar Askari: Denken im behaglichen Ambiente. Beobachtungen beim 120. Philosophischen Cafe in der »Artischocke«. In: Badische Zeitung, 18.12.2010 (www.badische-zeitung.de/loerrach denken-im-behaglichen-ambiente--39001074.html. The-ma des im Artikel verhandelten Cafes war »Wittgenstein im Kontext der Wiener Moderne«).

2. Das philosophische Cafe als außerschulischer Lernort

Der eingangs zitierten professoralen Schelte der Kaffeehausphilosophen zum Trotz hat sich das philosophische Cafe als ernstzunehmendes Forum philosophischer Reflexion etabliert und wird auch als solches in der fachdidaktischen Diskussion gewürdigt. So hebt Volker Steenblock in seiner »Einführung in die Philosophiedidaktik« hervor, dass »die Philosophie [...] schließlich und endlich grundsätzlich [...] den Schritt auf den  Marktplatz, d. h. in die Öffent-lichkeit zurück vollziehen [muss], mit dem sie seit Sokrates vertraut ist« (Volker Steenblock: Philosophische Bildung. Einführung in die Philosophiedidaktik und Handbuch: Praktische Philosophie. Münster: Lit 5. Auflage 2011, S. 118). Und der Schritt auf den Marktplatz führt heute, so fügt Steenblock an, unter anderem ins philosophische Cafe. Als Ort philosophischer Bildung betrachtet, gehört das philosophische Cafe in den Bereich der Erwachsenenbildung; zumindest setzt sich das Publikum i. d. R. mehrheitlich aus Menschen gesetzteren Alters zusammen.

Im Folgenden mochte ich das philosophische Cafe aber nicht aus dem Fokus der Erwachsenenbildung betrachten, sondern als einen außerschulischen Lernort in den Blick nehmen: Welchen Mehrwert kann der Besuch eines philosophischen Cafes für den schulischen Philo-sophieunterricht haben? (Martina Dege hat bereits 2003 in der ZDPE einen Artikel über philosophische Cafes veröffentlicht; leider lag mir dieser Artikel nicht vor, so dass ich im vorlie-genden Text ihre Überlegungen nicht einbeziehen konnte).

Prima vista wäre man vielleicht geneigt, diesen Mehrwert als eher gering einzustufen. Ist das Ge-spräch im philosophischen Cafe nicht eine bloße Doppelung des Unterrichtsgesprächs? Warum sollte man eine Exkursion ins Cafe auf sich nehmen, wenn man dann dort nur mehr von dem bekommt, was man schon zur Genüge aus der Schule kennt? Hier wie dort diskutiert eine Gruppe in einem fest abgesteckten Zeitrahmen über ein vorgegebenes Thema. Diese vermeintliche strukturelle Gemeinsamkeit halte ich allerdings für ein Oberflächenphänomen. Philosophieunterricht und philosophisches Cafe unterscheiden sich signifikant - im Hinblick auf die Gesprächssituation, das Ziel des Gesprächs und nicht zuletzt in der Zusammensetzung der Gruppe. Diese signifikanten Unterschiede, die ich im Folgenden noch etwas naher bestimmen mochte, rechtfertigen es meines Erachtens, das philosophische Cafe als außerschulischen Lernort aufzusuchen: zum einen, weil die Schülerinnen und Schüler dort Erfahrungen machen können, die im Unterricht nicht ohne Weiteres reproduzierbar sind, und zum anderen, weil sich daraus im Idealfall auch Synergieeffekte ergeben, die den weiteren Philosophieunterricht befordern können.

Seit 2005 besuche ich jährlich mit jeweils einem Kurs der Einführungsphase das Bonner Philosophische Cafe, um die Schüler dieses genuin andere Forum philosophischer Reflexion kennenlernen zu lassen. Mittlerweile hat sich die Tradition etabliert, dass Markus Melchers, der das Cafe im Kultur-Bistro »Die Pauke« ausrichtet, den Kurs jeweils im Anschluss im Unterricht besucht; in einer Art Nachlese lassen die Schüler dann ihre frisch gewonnenen Erfahrungen noch einmal Revue passieren. Das Thema des jeweiligen Cafes besprechen wir in der Regel nicht vorher im Unterricht, sondern klaren nur den Ablauf und gewisse »Gesprächsregeln« (»Wie es in den Wald hineinschallt...«).

Gerade durch die Nachlese mit dem Moderator werden die Unterschiede zwischen schuli-schem und außerschulischem Lernort für die Schüler augenfällig. Die Gesprächssituation im Philosophieunterricht ist eine ganz andere als im Cafe; Markus Melchers bezeichnet die schulische Situation pointiert und mit mildem Spott bei seinen Besuchen als »Denken mit Abhängigen«. Um Missverständnisse auszuräumen: Wenn ich hier vom schulischen Unterrichtsgespräch spreche, meine ich nicht etwa Fehlformen (wie das Lehrerecho, das Ping-Pong-Gespräch oder den als Pseudogespräch verkleideten Lehrermonolog), sondern durchaus den gelungenen Dialog, in dem die Lehrkraft allenfalls als zurückhaltender Moderator auftritt. Auch dort ist die Gesprächssituation letztlich asymmetrisch, von Abhängigkeit geprägt. Denn immer steht neben der zu diskutierenden Sachfrage die Frage der Bewertung (und Benotung) unausgesprochen im Raum. Im Cafe besteht dieses Abhängigkeitsverhältnis nicht; grundsätzlich kann alles gesagt werden (was nicht bedeutet, dass es dann unkommentiert im Raum stehenbliebe). Und man kann zudem, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, schweigen, die aktive Beteiligung wird - anders als im Unterrichtsgespräch - nicht eingefordert.

Auch in der Zielsetzung unterschieden sich Unterricht und Cafe merklich: Die Lernziele des Unterrichts formuliert der Lehrer auf der Grundlage des Lehrplans und überprüft am Ende, ob sie erreicht werden. Die »Lernziele« des Cafes - so man überhaupt von solchen sprechen möchte - legt jeder Teilnehmer letztlich für sich selbst fest, immerhin setzt er sich freiwillig und i.d.R. mit genuinem Interesse dem philosophischen Gespräch aus. Nur er weiß, was er vom Gespräch erwartet. Diese Lernziele wer den auch nicht explizit gemacht oder gar spater von anderen überprüft.

Nicht zuletzt differiert die Zusammensetzung der Gruppen deutlich: Die Schüler eines Philosophie-Grundkurses bilden eine weitgehend altershomogene Gruppe mit vergleichbarem Erfahrungshorizont; ein clash of civilizations ist nicht auszuschließen, aber doch selten. Die Zu-sammensetzung des Cafes hingegen unterliegt ständigem Wandel; zwar gibt es in der Regel Stammgäste, doch finden sich immer wieder neue Besucher, die das Abenteuer der Reflexion suchen. Anders als das Klassenzimmer steht das Cafe prinzipiell jedem offen, der seinen Abend dort verbringen mochte. Die größere Heterogenität des Publikums führt dazu, dass sich ganz unterschiedliche Erwartungshorizonte treffen: der sprichwörtliche pensionierte Studienrat, der - wann immer möglich - Kant zitiert, ist ebenso anzutreffen wie die Krankenschwester, die ihren Berufsalltag philosophisch reflektieren mochte, ohne von bildungsbürgerlichem Zierrat oder fachterminologischem Jargon behindert zu werden.

Was aber nun können Schüler eigentlich im philosophischen Cafe lernen? – Das wichtigste Lernziel ist meines Erachtens, dass die Schüler erkennen, dass Philosophie ihren Sitz im Leben hat und bei vielen Menschen ein existenzielles Bedürfnis anspricht.

Tua res agitur! So sehr wir Philosophielehrer uns auch mühen und die Relevanz philosophischer Theorien für den Alltag durch avancierte Unterrichtsarrangements aufzeigen mögen, unser Unterricht erreicht nur höchst selten eine vergleichbare Intensitat: Die Erfahrung etwa, mit chronisch Schmerzkranken im philosophischen Gespräch über das Wesen und den tieferen Sinn des Schmerzes zu diskutieren, lasst sich im Unterricht auch durch phänomenologi-sche Schreibübungen nicht einholen. Zugleich lernen die Schüler, dass ihre Äußerungen nicht im luftleeren Raum stehen bleiben, sondern wahrgenommen werden und gegebenenfalls auch sehr heftige Reaktionen produzieren können. Das philosophische Cafe ist anders als die Schulklasse kein pädagogischer Schonraum, in dem der Lehrer eine fragwürdige Aussage vielleicht gelten lässt, weil er sich über die Unterrichtsbeteiligung eines bestimmten Schülers freut. Wer Unüberlegtes sagt, wird sofort damit konfrontiert, muss sich verteidigen und gegebenenfalls präziser formulieren. Interessanterweise führt dieser Umstand nicht dazu, dass die Schüler im Cafe verstummen. Sie fühlen sich in der Mehrzahl im Gegenteil ernster genommen. Zu gleich wissen sie danach aber den Schonraum des Philosophieunterrichts, in dem  man sich ungeschützter äußern kann, auch in besonderer Weise zu schätzen. Die Heterogenität des Publikums führt auch dazu, dass die Schüler Positionen kennenlernen, die vielleicht im Unterricht gar nicht zur Sprache kamen, und sie sich so im tatsachlichen und nicht bloß hypothetischen Perspektivwechsel üben können. Nicht zuletzt berühren die Themen der Cafes Bereiche, die im Lehrplan allenfalls gestreift werden, so dass die Schüler auch inhaltlich auf neue Pfade gelangen (etwa: Was ist ein gutes Geschenk? Sind Rituale mehr als Gewohnheiten?).

Als Bonner Philosophielehrer bin ich natürlich privilegiert, weil es in Bonn ein traditionsreiches und stets gut besuchtes philosophisches Cafe gibt, auf das ich mit meinen Kursen zurückgreifen kann. Nicht jeder wird aber mit seinem Philosophiekurs nach Bonn oder nach Berlin - oder gar Paris! - reisen können, um dort vor Ort am Gespräch teilzunehmen (nicht zuletzt deshalb, weil die Gespräche häufig abends stattfinden).

Glücklicherweise gibt es auch an vielen anderen Standorten prosperierende philosophische Cafes. Hinweise darauf findet man etwa im Programm der örtlichen VHS oder im Kulturkalender der Stadt oder Gemeinde. Auch im Internet gibt es einige Linklisten, die - allerdings sehr lückenhaft und nicht immer aktuell - philosophische Cafes verzeichnen.

Im Anhang sind einige dieser Links aufgeführt. Sollte sich vor Ort kein solches Cafe finden, so gibt es immer noch die Möglichkeit, selbst mit den Schülern- und vielleicht mit Hilfe eines Philosophischen Praktikers - ein philosophisches Cafe ins Leben zu rufen; eine Nachfrage gäbe es gewiss. (Hinweise zur Organisation eines solchen Cafes finden sich in dem Buch von Lutz von Werder, das sich auch als eine Methodik und Didaktik des philosophischen Cafes versteht.)

Linktipps zu philosophischen Cafes

www.philosophisches-forum.de/Philosophische_Cafes/philosophische_cafes.html
www.philosophers-today.com/whats-going-on/cafes.html


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