Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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«Freude zu sehen ist das Geschenk für Schenkende», Aachener Zeitung vom 24.12.2008

Hückelhoven. Weihnachten ist natürlich auch das Fest der Geschenke. Jeder weiß, wie schwer es ist, immer das Richtige für die zu finden, denen man mit einem Präsent eine Freude machen will.

Gibt es eigentlich ein «ideales» Geschenk, also etwas, das genau den Wünschen und den Bedürfnissen des Beschenkten entspricht? Wahrscheinlich nicht - oder nur in ganz seltenen Fällen. Sei´s drum: Unser Redakteur Norbert Schuldei hat sich mit dem Leiter des Jugendamtes der Stadt Hückelhoven, Ralf Schwarzenberg, über genau diese Frage unterhalten.

Was wäre für Sie ein Geschenk, das sozusagen alle Ihre Wünsche beinhaltet?
Schwarzenberg: Ach du liebe Güte. Na gut, ich versuche mal eine einigermaßen vernünftige Antwort auf diese doch sehr komplexe Frage.

Solche Fragestellungen sind Sie doch als Leiter des Jugendamtes, der sich ja auch viel mit Bürokratie rumschlagen muss, gewohnt.
Schwarzenberg (lacht): Sie kennen sich ja bestens aus. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Was ist eigentlich ein Ideal?

Da stellen aber jetzt Sie mir eine gute Frage. Wissen Sie es denn?
Schwarzenberg: Das Ideal wird als Inbegriff der Vollkommenheit, als erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns beschrieben. Idealismus ist eine philosophische Denkrichtung.

Stopp! Das geht nun doch zu weit und an der eigentlichen Frage vorbei. Aber wenn Sie schon beim Erklären der Begriffe sind: Was ist denn ein Geschenk für Sie?
Schwarzenberg: Jemandem etwas geben, das man selbst auch gut findet und von dem man überzeugt ist, dass es dem anderen Menschen, der es erhalten soll, gefallen wird. Das ist ein Geschenk - und ganz bestimmt auch ein schönes Geschenk. Freude zu sehen ist das Geschenk für den Schenkenden. Herr Melchers hat übrigens viel Intelligentes zum Thema Schenken und Geschenke verfasst.

Wer bitteschön ist Herr Melchers?
Schwarzenberg: Herr Melchers ist der bekannte philosophische Praktiker aus Bonn. Er reflektiert über das Schenken in einer Zeit, in der sich alle fast alles selbst kaufen können. Schenken ist für ihn aber auch Kommunikation. Er schreibt über vergiftete Geschenke und auch über kleine Geschenke, die vermeintlich die Freundschaft erhalten. Wer mehr über seine Abhand-lungen erfahren will, kann das unter Sinn-auf-aedern.de tun.

Zurück zur Frage: Was ist denn nun für Sie ein ideales Geschenk?
Schwarzenberg: Da muss ich mich natürlich auch fragen: Wem soll ich was wünschen? Universal wünsche ich allen Menschen natürlich Frieden und dass sie keine Not haben mögen; dass Eltern glücklich mit ihren Kindern und Kinder glücklich mit ihren Familien sein mögen. Ein jeder möge nach seiner Facon glücklich werden, und Menschen sollen einander achten.

Viel allgemeiner geht es nicht mehr. Um konkreter zu werden: Was wäre das ideale Geschenk für Sie als Leiter des Jugendamtes?
Schwarzenberg: Wir arbeiten sehr stark mit dem Gedanken der Teamarbeit. Deshalb wünsche ich meinen Kolleginnen und Kollegen im Amt beruflichen Erfolg und auch für das Private Zeit, Geborgenheit und dass jemand da ist, der sich kümmert. Sie sehen: Die berufliche und die private Haltung fallen hier nicht auseinander. Im Privaten sind die Wünsche etwas konkreter und vielleicht auch egoistischer, weil den Wünschen häufig ein ,Ich´voran gestellt ist.

Wie sähe Ihr Wunsch oder Geschenk auf das Jugendamt bezogen aus?
Schwarzenberg: Für die Arbeit wünsche ich, dass manches Gute bewirkt wird.

Konkreter bitte.
Schwarzenberg: Das Jugendamt handelt immer als ,Wir´. Entscheidungen werden von einem Team getroffen. Wir helfen, klären, vermitteln und müssen manchmal auch trennen. Auch geht es immer darum, Menschen bei Entscheidungen zu unterstützen. Und um Teilhabe am Ganzen.

Das hat aber nur wenig mit Schenken zu tun.
Schwarzenberg: Richtig. Die Arbeit des Jugendamtes geschieht nämlich ausdrücklich im Auftrage des gesellschaftlichen ,Wir´. Die Dienstleistungen von Jugendämtern sind niemals Selbstzweck. Menschen, die diese Leistungen erhalten, werden aber nicht beschenkt, sie haben Anspruch auf Beratung, Unterstützung und Schutz.

Wenn Sie das noch etwas anschaulicher und auch handfester umschreiben und mit einem Wunsch in Verbindung bringen könnten?
Schwarzenberg: Gut, wenn Sie so drängen: Ich würde mir schon wünschen, dass die Menschen mehr Zutrauen in die Fachlichkeit unserer Arbeit hätten. Und dass die Menschen mehr Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter im Jugendamt hätten, wäre sicher auch ein Wunsch.

Jetzt aber zurück zur Ausgangsfrage: Was ist für Sie das ideale Geschenk?
Schwarzenberg: Okay. Wenn ich also das bisher Gesagte zusammenfasse: Aus meiner Sicht ist das ideale Geschenk eines, das man sich nicht selbst machen kann. Eines, das den Beschenkten zu nichts verpflichtet und ihn nicht beschämt. Der Schenkende sollte Freude und Glück an der Freude des Beschenkten empfinden. Freude zu sehen, ist das Geschenk für Schenkende.

      © Sinn auf Rädern/BelKom