Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Schenken heißt: Du bist mir wichtig!, stadt gottes. Das Magazin der Steyler Missionare, Nr.12-2015
Volle Läden, lange Schlangen beim Einpackservice, der Postbote liefert Riesenpakete aus dem Online-Shop – Weihnachten ohne Geschenke ist für viel Menschen nicht vorstellbar. Warum wir so gerne schenken und was einen beliebigen Gegenstand zu einem guten Geschenk macht, erklärt der Philosoph Markus Melchers im Gespräch mit Christina Brunner

stadt gottes: Seit wann geben sich Menschen eigentlich Geschenke?
Markus Melchers: Schwer zu sagen. Es gibt archäologische und kulturwissenschaftliche Untersuchungen,
die aufzeigen, dass das Schenken selber zwei Richtungen nehmen kann: Nach „oben“ zu den Göttern oder zu dem Gott, das ist in Naturreligionen oft der Fall. Die andere würde ich eher als Gabe bezeichnen. Das Ziel ist, den Zusammenhalt von Gruppen zu erhalten. Man verschenkt etwas in der Erwartung: Es kommt zurück, weil ich es gegeben habe. Das hält die Gesellschaften zusammen.

Ist das nicht immer noch so: Wer etwas schenkt, erwartet eine Gegengabe?
Ich vermute, dass Sie Recht haben, was Geschäftsbeziehungen angeht. Aber wer einen Freund etwas schenkt, erwartet, dass der Freund sich freut, und nicht, dass der Freund zehn Tage später sagt: Weil du mir was gegeben hast, kommt hier mein Gegengeschenk. Gegengeschenke halte ich immer dann für angemessen, wenn sie zu einer ritualisierten Form geworden sind: dass man Gastgeschenke erwidert, etwa durch Freundlichkeit. Es muss ja nicht immer ein materielles Geschenk sein.

Man schenkt also, um jemandem eine Freude zu machen?
Nicht immer. Manchmal schenkt man doch auch, um jemanden zu bestärken. Oder um jemanden aus der Not zu helfen – das würde man wohl eher Spende nennen.

Viele sagen ja: Schenken ist doch Quatsch, die Leute können sich sowieso alles selbst kaufen.
Selbst wenn ich mir alles selbst kaufen könnte, wird damit nicht die Zuwendung, die ich durch einen Schenkenden erfahre, ersetzt. Eine gute Freundin schenkt mir etwas, obwohl sie weiß, dass ich es mir locker selbst leisten könnte. Der Gegenstand hat einen Wert, weil er von ihr kommt. Die Freundin kennt mich gut, ich bedeute ihr etwas. Sie hat mich beobachtet, sie weiß um meine Bedürfnisse und Wünsche. Und sie hat Zeit investiert, das Geschenk vielleicht selbst gemacht, ein Gedicht geschrieben ... Oder sie hat sich auf den Weg gemacht und es ausgesucht, vielleicht sogar selbst eingepackt. Damit wird signalisiert, dass ich ihr wichtig bin.

Das schöne Geschenkpapier ist also auch wichtig?
Ja, denn durch die Verpackung wird noch mal ein besonderer Moment erzeugt. Es ist nicht irgendein Buch, sondern es ist das eine, das herausgehoben wird durch die Art der Präsentation. Und dazu kommt das, was sie dabei sagt. Ein Geschenk wird ja nicht stumm überreicht oder mit einen lieblosen „Da!“ oder „Hier.“ Es wird begleitet. Nicht erklärt, aber begleitet.

Also lieber ein Geschenk suchen statt Geld überreichen?
Theoretisch spricht nichts gegen das Geld. Außer wenn das Geldgeschenk einen Beschämungsfaktor hat oder wenn ein Ungleichgewicht in der Beziehung noch mal besonders hervorgehoben wird: Du bist ein armer Schlucker, und ich kann es mir locker leisten.

Und wenn die Oma dem Kind 20 Euro schenkt?
Das ist okay. Denn hier gibt es – anders als in Freundschaften, die ja symmetrisch sein sollen – ein asymmetrisches Verhältnis. Die Oma ist älter, weiß mehr, und will natürlich sorgend für ihre Enkelin da sein.

Gesetzt den Fall, das Kind wünscht sich was und Oma ist dagegen?
Beide haben dann ein Problem. Es kommt auf das Alter des Kindes an. Wenn die Enkelin fünf Jahre alt ist, hat die Oma sicher schon öfter gesagt: Das gibt es jetzt nicht. Das ist also vielleicht nicht so problematisch.
Anders ist es , wenn das Kind schon älter ist - sagen wir mal 16 Jahre alt-  und durchaus einen eigenen Geschenkwillen hat. Dann muss Oma argumentieren. Das ist schwer, weil die Enkelin in einer Erfahrungswelt lebt, die den Älteren erst mal verschlossen ist. Das neue IPhone, die angesagte X-Box, da wird die Enkelin kompetenter sein. Ich würde vielleicht fragen: Brauchst du das wirklich? Was hängt davon ab? Mein Rat wäre, über das Geschenk wirklich zu verhandeln. Man darf nicht einfach Nein sagen, sondern muss erklären warum - und hoffen, dass die Enkelin das versteht!

Der Wunsch der Enkelin ist also berechtigt, aber das Nein der Oma auch?
Es gibt bei dem Philosophen Harry Frankfurt eine Unterscheidung nach Wünschen erster und zweiter Ordnung. Erste Ordnung heißt: „Das will ich haben!“ Ein Wunsch zweite Ordnung ist etwas, wodurch ich durch Nachdenken drauf komme, dass ich das wirklich wollen darf. Nun muss nicht jeder Harry Frankfurt gelesen haben. Aber herauszufinden, ob ein Geschenk auf langlebigen Wünschen beruht, das wird Oma im
Gespräch herausfinden. Brauchst du das wirklich?, ist so eine klassische Frage.

Was ist denn ein gutes Geschenk?
Das kann man abstrakt tatsächlich definieren: Wenn es Zufriedenheit hervorruft. Ein Geschenk kann nützlich sein, ein neuer Schulranzen zum Beispiel. Es kann aber auch etwas sein, wo die Nützlichkeit nicht sofort sichtbar ist. Zum Beispiel Zeit miteinander zu verbringen: „Du wolltest doch immer mal da und da hin, könnten wir das nicht zusammen tun?“ Das sind Geschenke für die, „die alles haben“. Aber dieses „Alles“
bezieht sich ja auf materielle Güter. Und natürlich kann man nicht alles haben. Ich hab mal irgendwo gelesen, dass ein erwachsener Mensch 10 000 Gegenstände um sich hat. Da wäre also noch Platz für den 10 001.

Und was sind schlechte Geschenke?
Tiere! Es gibt Geschenke, die werden aufgebraucht: Pralinen. Dann gibt es Geschenke, die stören nicht weiter, wenn man sie nicht gebraucht, wie Bücher oder CDs. Aber lebende Wesen sind ein langlebiges Geschenk. Tiere lösen zwar ein momentanes Glücksgefühl aus, aber wie lange hält das an? Wenn die Sehnsucht nach dem Vierbeiner sehr groß ist – wie wäre es dann mit einer Patenschaft für einen Hund aus dem Tierheim oder eine Mitgliedschaft im Reiterverein?

Was tue ich, wenn ein Geschenk mir nicht gefällt?
Da würde ich einen Trick vorschlagen: sich vor dem Auspacken freuen! Es gibt ein Recht darauf, Geschenke blöd zu finden. Es gibt auch ein Recht darauf, das zu sagen. Aber ob es immer weise ist, das auch zu tun ..? Man kann sich doch einfach schon freuen, wenn das Geschenk noch verpackt ist. Und wenn man Glück hat, freut man sich später noch mal, weils das Richtige ist ...  Sich zu freuen, ist ein Akt der Höflichkeit. „Wie schön, dass du an mich gedacht hast!“, das kann man ja immer sagen.

Sag ich das auch bei Kindern, wenn der dritte selbstgetöpferte Aschenbecher kommt?
Wäre ich Kantianer, würde ich rigoristisch sagen: Da muss man auch die Wahrheit sagen oder eben schweigen. Aber Schweigen angesichts eines Geschenks lässt auch nur eine Interpretation zu. Also darf man seine Freude darüber kundtun, dass das Geschenk heil angekommen ist ...

Man kann Sie ja auch verschenken. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Ich bin als philosophischer Praktiker eigentlich immer angefragt worden, wenn es irgendein Problem gibt, für das eine Lösung gesucht wird. Und dann habe ich mir gedacht: Kann mein Angebot des Miteinander-Philosophierens nicht auch da angenommen werden, wo es fröhliche Anlässe gibt: Geburtstage, Jubiläen,
Weihnachten ... Daraus wurde „Denken schenken.“ Und dort, wo ich als Geschenk auftauche, gab es eigentlich immer erstens Überraschung und zweitens Wohlgefallen. Als Geschenk wollte mich noch nie jemand nicht!

Es muss ein schönes Gefühl, sein ein Geschenk zu sein ...
Es ist ein absolut klasse Gefühl, in das Gesicht dessen zu schauen, dessen Geschenk ich bin. Wenn ich als Überraschungsgast komme, ist die Überraschung schon klasse. Und anders als beim normalen Geschenk muss ich als Geschenk erklärt werden. Und auch das ist schön zu hören, wie über mich als Geschenk gesprochen wird. Die Stimmung ist dann meistens total locker. Aus der Überraschung entwickelt sich der Abend ganz anders. Und ich bin eine Erinnerung. Das kann man ja auch nicht von jedem Geschenk
sagen. Es sind vielleicht sogar die besten Geschenke, die mit einer positiven Erinnerung verbunden sind.

      © Sinn auf Rädern/BelKom