Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 24.11.2017
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Grausamkeit hat viele Gesichter; General-Anzeiger Bonn vom 19.05.2015
Das 201. Philosophische Café nähert sich dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Bonn. Grausamkeit ist beim besten Willen kein erfreuliches Thema. Aber auf philosophischer Ebene lässt sich vortrefflich darüber diskutieren. Hält man es mit Seneca, der sagt, alle Grausamkeit entspringe der Schwäche? Stimmt man Montesquieus Theorie zu, nach der Menschen dadurch grausam werden, dass ihnen Grausamkeit widerfährt? Oder hat der Schriftsteller Arno Schmidt recht, wenn er sagt, Grausamkeit gehöre zu den angeborenen Haupteigenschaften des Menschen wie Spieltrieb, Geselligkeit und Doofheit?

Diese drei Ansichten stellte der praktische Philosoph Markus Melchers jetzt beim 201. Philosophischen Café im Kulturbistro Pauke zu Diskussion. Es zeigte sich, dass, wenn man über das Thema nachdenkt, sehr schnell die Erkenntnis reift, dass eine Definition schwierig ist. „Woran erkenne ich, dass etwas grausam ist?“, fragte Melchers. Es kamen Vorschläge: Es könne etwas mit Sadismus zu tun haben, sagte ein Teilnehmer. Der grausame Mensch wisse, was er tut, und entwickle dabei, sagte ein zweiter. „Jede Folter ist grausam, aber nicht jede Grausamkeit ist Folter“, sagte ein Mann im Laufe des Abends. 

Es gebe eine objektive und eine subjektive Sichtweise, warf einer ein. Juristisch gebe es eine objektive Definition von der Grausamkeit nur beim Mord. Sie wurde als Mittel beim Erhalt der Macht Schwächere, als Abkehr vom Guten, als immer zielgerichtetes Tun interpretiert. Bei der Terrororganisation IS zum Beispiel werde sie auch gezeigt, um Mitglieder zu locken. Der grausame Mensch kenne keine Gefühle, sagte eine Besucherin: „Ich sehe da eine Kälte, die ganz rational diese Sachen ausführt, aber sich durch nichts beirren lässt, durch kein Mitleid.“ Eine Haltung, die nicht alle teilen: Man müsse Grausamkeit auf das emotionale Verhalten eines Menschen beziehen.

Eine andere Frau meinte: „Wir sind alle grausam in bestimmten Situationen.“ Kinder, die Insekten quälen oder einen Mitschüler mobben – Grausamkeit könne gerade bei Kindern auch unbewusst geschehen. Sie sei nicht auf körperliche Folter beschränkt, es gebe auch seelische Grausamkeit, merkte Melchers an. Manche sei auch gesellschaftlich akzeptiert, etwa das Kochen eines Hummers bei lebendigem Leib – bei einem Hund fände man das grausam.

Manche Handlungen könnten auch als grausam interpretiert werden, auch wenn sie notwendig seien. Am Ende hatte kein Ergebnis, aber einen unterhaltsamen Abend.
 
                                                                                                                                        kpo
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