Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Konkurrenz der Werte, Mannheimer Morgen vom 20.12.2008

Jugendliche sollen nicht nur Wissen, sondern auch Werte lernen. Doch welche das sind oder sein sollen, das ist hier die Frage. Philosophen geben Antworten.

Eine Jugendliche, der von ihren rauchenden Freunden erstmals eine Zigarette angeboten wird, gerät in ein Dilemma. Denn sie hat abzuwägen, welche der folgenden Werte ihr wichtiger sind: Gruppenzugehörigkeit, Ansehen, Gesundheit, Mut. Einige dieser Werte können im Konflikt zueinander stehen, und manche sind zweideutig: Mutig sein zum Beispiel kann heißen, die Angst vor dem ersten Zug zu überwinden. Es kann aber auch bedeuten, die Zigarette rundheraus abzulehnen, weil einem trotz des Gruppendrucks die eigene Gesundheit am wichtigsten ist.

Nicht nur Eltern, sondern auch Erzieher und Lehrer stehen vor der Aufgabe, Kindern oder Schülern beizustehen, wenn diese eine Haltung zu wichtigen Lebensfragen entwickeln. Gerade Pädagogen hören immer wieder die Forderung, sie müssten - bisweilen anstelle von diesbezüglich versagenden Elternhäusern - Kindern und Jugendlichen Werte vermitteln.

Wissen verlangt Wertung

Der Bonner Philosophie-Praktiker Markus Melchers vertritt die Ansicht, angesichts "exorbitanter Wissenszuwächse und rasender gesellschaftlicher Veränderungen" komme der moralischen Haltung des Menschen eine "entscheidende Bedeutung" zu. Doch bleibt die Frage, welche Werte Kinder brauchen. "Es ist ja nicht so, dass heute Werte fehlen - im Gegenteil", sagt Professor Jürgen Rekus, der die Abteilung Allgemeine Pädagogik an der Universität Karlsruhe leitet. "Das Problem besteht eher darin, dass es eine Fülle von Werten gibt, die in Konkurrenz zueinander stehen."

Zerfallen können Werte gar nicht - sie werden lediglich nicht mehr "angewählt", also zur Grundlage des Handelns gemacht, meint der Erziehungswissenschaftler Professor Volker Ladenthin von der Universität Bonn. Auch für Melchers ist ein angeblicher Werteverfall ein Trugbild. "Wer glaubt, dass nur ein einziges, eng definiertes Ensemble von Werten, Tugenden oder Normen Anspruch hat auf unbedingte Geltung oder Richtigkeit, der muss angesichts der Konkurrenz durch andere Wertangebote und Wertvermittler konsequenterweise vom Werteverfall sprechen", sagt der Philosoph. Ein geschulter Demokrat wisse, "dass in modernen Gesellschaften konkurrierende Wertangebote existieren" und werde statt von Wertezerfall von Wertepluralismus sprechen und diesen "als ein wichtiges Kennzeichen demokratischer Gesellschaften" benennen. In solchen sind Wertekonflikte unvermeidbar.

"Was der eine für gut und richtig hält, das lehnt der andere ab", beschreibt Rekus das Problem. Wenn eine Gesellschaft sich wandelt, dann ändern sich auch die Vorstellungen, die allgemein als wünschenswert gelten und den Gruppenmitgliedern Orientierung beim Denken, Richten und Handeln geben. Dabei kann es sich um moralische Werte wie Aufrichtigkeit oder Treue handeln oder um religiöse wie Nächstenliebe. Es kann aber auch um materielle Werte wie Wohlstand gehen oder um politische wie Freiheit oder die Gleichheit vor dem Gesetz.

In einer Zeit des Wertewandels müssen sich Lehrende fragen, wie sie Kindern und Jugendlichen am besten dabei helfen können, für sich eigene und belastbare Moralvorstellungen herauszubilden. Für Ladenthin gilt jedenfalls: "Die Schule soll nicht zu Werten erziehen." Erstrebenswert sei vielmehr eine "Erziehung zum Werten", also letztlich die Fähigkeit zu Werturteilen: "Unterricht soll die Schüler befähigen, sich mit unterschiedlichen Wertvorstellungen auseinanderzusetzen und sich bewusst zu entscheiden, sie anzunehmen oder abzulehnen" fügt Ladenthin hinzu. Und dies sei "eine Aufgabe, die alle Fächer betrifft".

Sehnsucht nach Halt

Dass Eltern oder Politiker an Lehrer so oft die Forderung oder doch zumindest den Wunsch herantragen, dem Nachwuchs dringend benötigte Werte zu vermitteln, hat für Ladenthin eine zentrale Ursache: "Die traditionellen Institutionen brechen zusammen. Es gibt keine für alle verbindlichen Lebensgewohnheiten, Sitten mehr." Nur zu verständlich also, dass Menschen nach einem Halt suchen. Doch "jeder Wert, den man propagiert, vermehrt die Wertevielfalt", merkt der Bonner Wissenschaftler an. Und dieser bunte Strauß sei ja "gerade das Problem". Werte per se gäben keinen Halt, "sie bedürfen vielmehr einer Halterung - Lebenssinn genannt." Wer über das Bewerten von Meinungen, Vorbildern und Ereignissen zu eigenen Werturteilen gelange, verankere diese viele eher, als es das Verinnerlichen von Wertvorgaben schaffen kann. "Werterziehung in der Schule heißt, über den Wert des Gelernten zu sprechen. Und dafür muss Zeit bleiben", fordert Ladenthin.

Am besten werde damit schon im Kindergarten begonnen - freilich nicht theoretisch und somit an den Kindern vorbei. "Den Kindern werden diese Einsichten durch ein angeleitetes Zusammensein wie selbstverständlich spür- und damit erfahrbar gemacht, und dies kann durchaus auf spielerische Weise geschehen", sagt Melchers. Zu dieser Wirklichkeit gehöre auch das Erleben von Menschen mit deren eigenen, womöglich fremd erscheinenden Werten. Mündige Bürger müssen das zeitlebens aushalten, im besten Falle begrüßen können.
                                                                                                                               Walter Schmidt

      © Sinn auf Rädern/BelKom