Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Bei Liebeskummer Schopenhauer, ELLE vom März 2001
Unternehmer zitieren Seneca, philosophische Berater coachen Kunden mit Beziehungsstress. Immer mehr Menschen entdecken: Klassische und moderne Denker sind kompetente Krisenmanager. Manchmal ersetzen sie sogar den Sextherapeuten. Der Mann war etwa Mitte 40 und arbeitete im Management. Worum es ging, erklärte er dem Bonner Philosophen Markus Melchers am Telefon: "Ich brauche einen Menschen, mit dem ich vernünftig über die Liebe reden kann." Ein paar Tage später trafen sich der Denker und sein Kunde am Rhein. Sie flanierten zwei Stunden am Fluss entlang, und dabei schilderte der Geschäftsmann dem Berater sein Problem. In sieben Jahren Ehe hatten er und seine Frau sich auseinander gelebt. Jetzt sollte Melchers dem Manager helfen, seinen inneren Konflikt zu klären: "Muss ich mit Rücksicht auf unsere kleine Tochter bei meiner Familie bleiben? Oder verstoße ich dann gegen meinen Anspruch, im Umgang mit mir nahe stehenden Menschen wahrhaftig zu sein?" Zwei Wochen nach dem Treffen rief der Kunde den Philosophen an. 'Wir werden zusammen bleiben. Unsere Tochter ist ja erst vier Jahre alt. Wie soll ich ihr erklären, dass ihr Vater die Familie aus Liebe zur Wahrhaftigkeit verlassen will?" In Zeiten, wo sich sechs Männer und sechs Frauen 106 Tage lang im "Big Brother"-Container unter enormer öffentlicher Anteilnahme gegenseitig aus der Sendung mobben, mögen Zyniker es schrullig finden, dass ethische Rigoristen ihr Verhalten nach derart strengen Maßstäben hinterfragen. Doch irgendwann steckt jeder Mensch einmal in einem Konflikt, den er nur im eigenen Kopf austragen kann: Was ist richtig? Und was ist falsch?
STARKE GEDANKEN KÖNNEN DAS LEBEN GENAUSO VERÄNDERN WIE GROSSE GEFÜHLE
"Dabei hilft die Philosophie wirksamer als jede andere Sinnvermittlungsinstitution", sagt Josef M. Werle, Privatdozent an der Universität Trier und Herausgeber des Buchs "Klassiker der philosophischen Lebenskunst". "Weil sie Menschen dazu bringt, sich selbst zu verstehen - und zwar ohne sie mit Dogmen zu bevormunden oder ihnen vorgefertigte Konzepte aufzu-drücken wie Religion oder Psychologie."  Die Erkenntnisse klassischer und jüngerer Denker haben bei modernen Jobnomaden und von Sinnkrisen gebeutelten Managern derzeit Hochkonjunktur. Ratgeber wie die "Philosophie der Lebenskunst" des in Erfurt lehrenden Privatdozenten Wilhelm Schmid erreichen Bestsellerauflagen, Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns LVMH, nennt den römischen Philosophen Seneca seinen Lehrmeister und missio-niert mit dessen Ideen gelegentlich auch seine Mitarbeiter: "Es gibt keinen günstigen Wind für denjenigen, der nicht weiß, wohin er segelt." Das ZDF plant sogar, ab Herbst ein "Philosophisches Quartett" auszustrahlen - unter Leitung des intellektuellen Wanderpredigers Peter Sloterdijk. Und als Bundeskanzler Gerhard Schröder neulich den Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin in sein Kabinett holte, jubelte die "Bunte", sonst eher für Kommentare zu Ve-ronica Ferres' wachsendem Babybauch bekannt als für Analysen gesellschaftspolitischer Phänomene: "Philosophen sind in."  Philosophische Berater ermutigen Menschen, sich zu einer autonomen Persönlichkeit zu ent-wickeln. Das ist harte Arbeit - aber ein aufregendes geistiges Abenteuer. Bei dem Menschen die Erfahrung machen: Starke Gedanken verändern das Leben - Wie große Gefühle.
"SINN AUF RÄDERN" - DER GEDANKENCOACH MACHT HAUSBESUCHE
Dienstleister wie Markus Melchers geben dabei Denkanstöße. Seit 1998 bietet der 37-jährige Rheinländer in Bonn und Umgebung "Sinn auf Rädern" an. Der Service heißt so, weil Melchers seine Kunden mit Fahrrad, Bahn oder Straßenbahn zu Hause besucht. Denn der Gedan-kencoach hat die Erfahrung gemacht: Bestellt man seine Gesprächspartner in eine Praxis, kippt die Beziehung zwischen Berater und Klient leicht in eine Art Lehrer-Schüler- oder Arzt-Patient-Verhältnis um. Bei einer Tasse Tee oder einem Glas Wein im heimischen Wohnzimmer sitzen sich Dienstleister und Auftraggeber dagegen als Gleichberechtigte gegenüber. Dort lässt sich's ungehemmter philosophieren. Seine Kunden, die Melchers "Gastgeber" nennt, sind Frauen und Männer, die vor schwierigen Entscheidungen stehen und sich überlegen müssen: Welche Werte haben in meinem Leben Priorität? Oder Workaholics, die neue Perspektiven suchen. "Es geht bei den Treffen nicht darum, Philosophie zu lernen, sondern philosophieren zu lernen", stellt Melchers klar. Und das bedeutet: Zu Beginn der Beratung wird zunächst jeder Begriff auf seine genaue Bedeutung hin abgeklopft. Allein das Wort "Liebe" schillert in tausend Schattierungen. Die Gesprächspartner müssen sich erst einmal einigen: Welche Bedeutung hat das Wort in diesem Fall - geht es um platonische Liebe, Eros oder Begehren? Wie Archäologen, die Stein für Stein eine neue Ausgrabung erkunden, beleuchten Berater und Klient Schritt für Schritt alle Aspekte des Problems. Am Ende eröffnen sich dem Ratsuchenden neue Perspektiven. Ein Mobbingopfer erkennt zum Beispiel: Sie ist durch Zufall in die Rolle eines Sündenbocks gerutscht, weil in ihrer Abteilung ein innerbetrieblicher Machtkampf tobt. Bei solchen Erkenntnisprozessen spielen Berater wie Markus Melchers die Hebamme. "Ich helfe den Gedanken meiner Auftraggeber ans Licht." Melchers Honorar für diese Dienstleistung: ab 80 Mark pro Stunde.
FRAUEN SUCHEN WAHRE ERKENNTNIS, MÄNNER INTELLEKTUELLE ATTITÜDE
Die Mehrzahl der intellektuellen Abenteurer, die sich in Begleitung eines philosophischen Beraters auf Exkursionen in die Weiten des menschlichen Bewusstseins aufmachen, sind Frauen. "Männer besuchen Philosophieseminare gelegentlich mit dem Ziel, sich eine intellektuelle Attitüde zuzulegen", beobachtet Werle. "Eine Art geistigen Bizeps, mit dem man renommieren kann. Frauen dagegen kommen durchweg aus echtem Interesse an existenziellen Fragen." Manche von Werles und Melchers' Gesprächspartnerinnen haben bereits bei Theologen und Psychologen Rat gesucht - mit mäßigem Erfolg. Wie die Bonner Lehrerin, die gemeinsam mit Markus Melchers die Frage klären wollte: Muss ich ein Versprechen, das ich meiner Mutter gegeben habe, über ihren Tod hinaus halten? Der Theologe verwies sie auf das Gebot: Du sollst deine Eltern ehren. Der Psychologe forschte nach Konflikten in der Mutter-Kind-Beziehung.Erst die philosophische Beratung befreite die Frau von ihren Schuldgefühlen. Sie registrierte: "Kein Verwandter und kein Nachbar kann mich zwingen, das Versprechen einzulösen. Wie immer ich mich entscheide: ich bin nur mir selbst verpflichtet."
ERKENNTNIS - DIE HEISSESTE WARE DES NEW-ECONOMY-ZEITALTERS
Ein gutes Leben führen: Was bedeutet das? Weiche Werte sollen Eltern ihren Kindern ver-mitteln? Die meisten Menschen haben sich solche Fragen schon einmal gestellt. Jetzt leiten engagierte jüngere Philosophen aus ihren Reflexionen konkrete Vorschläge ab, wie zum Beispiel die Situation der Menschen in der Dritten Welt verbessert werden kann. Martha Nussbaum, eine der profiliertesten Philosophen der USA, arbeitete acht Jahre lang für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Die 53-jährige hat während dieser Zeit einen Katalog von Voraussetzungen erarbeitet, die notwendig sind, um Menschen überall auf der Weit zu einem "guten Leben" zu verhelfen. Die wichtigsten Forderungen auf dieser Liste: Eine humane Gesellschaft muss den Bürgern ermöglichen, ihre körperlichen und intellektuellen Ressourcen zu entfalten. Und sie sollte ihnen Freiräume schaffen, damit sie sich erholen und mit anderen austauschen können. "Das Gute an einer philosophischen Theorie ist doch, dass sie uns zu aktiven, kritischen, fragenden Menschen machen will, die sich nicht von zufälligen Autoritäten blenden lassen", sagte Martha Nussbaum in einem Interview.
TRENDBERUF PHILOSOPH. WICHTIGSTES ERFOLGSKRITERIUM: LEBENSERFAHRUNG
Solche engagierten Bekenntnisse haben den Philosophen, die jahrelang unter Ausschluss der Öffentlichkeit Phönomene wie den "Selbstbezug des Negativen in Hegels Logik" erforschten, wieder Aufmerksamkeit verschafft. Und die Nachfrage nach philosophischer Lebensberatung angeheizt. Geisteswissenschaftler, die bisher auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar galten, nutzen ihre Chance: Allein in Deutschland gibt es inzwischen über 50 Praxen, in denen sie Rat und neue Einsichten anbieten. Nicht jeder, der ein abgeschlossenes Philosophiestudium vorweisen kann, ist allerdings auch ein guter Coach. "Man braucht Lebenserfahrung", sagt Markus Melchers. "Man muss selbst erlebt haben, was es bedeutet, sich zu verlieben - und verlassen zu werden. Und man sollte fit in den wichtigsten Gesprächstechniken sein!" Der Bonner Berater ist überzeugt: Die neue Lust am Philosophie-ren ist ein dauerhaftes Phänomen. Die Erlebnisse des amerikanischen Philosophieprofessors Tom Morris bestätigen diesen Eindruck. "Geschäftsleute in ganz Amerika verwandeln sich in Philosophen. Die Leute haben so viel Geld wie nie zuvor. Jetzt fangen sie an, sich tiefere Fragen zu stellen: Was ist Erfolg? Was ist Glück?" Der Berater und Buchautor verkauft Mana-gern und Mitarbeitern der Unternehmen IBM, Ford, Bayer und der Consultingfirmen Arthur Andersen und Price Waterhouse in Seminaren "die besten Ideen der besten Denker aller Zeiten". Sein Stundenhonorar: bis zu 20.000 Dollar. Damit die viel beschäftigten Businessleute die Werke nicht selbst lesen müssen, hat Morris für sie die wichtigsten Erfolgsformeln herausdestilliert: "Es gibt sieben Bedingungen für anhaltenden Erfolg: conception, confidence, concentration, consistency, commitment, character, capacity to enjoy" (Visionen, Vertrauen, Konzentration, Beharrlichkeit, Hingabe, Charakter, Genussfähigkeit). Was Auftraggeber an Morris lieben: Der Vor-Denker macht ihnen weder ihre Luxusautos noch ihre teuren Uhren mies. "Schönheit hat eine wichtige Funktion im Leben", doziert der wohl bestbezahlte Philosoph der Welt. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, den Mammon zu verdammen. In einem BMW-Cabrio kann man genauso gut philosophieren wie als Fußgänger." Dass Philosophen keine lustfeindlichen Asketen sind, beweist auch eine Initiative des Berliners Uwe Nitsch. Er organisiert für Interessierte einmal monatlich ein Abendessen in den Berliner Restaurants "Austria" oder "Gasthaus Gerstensack". Während der vier Gänge erörtern die Gäste philoso-phische Fragen. "Die Menschen möchten sich wieder konzentriert mit einer Sache auseinan-der setzen", hat der 37-jährige festgestellt. Damit die Teilnehmer bei diesen Diskussionen einen klaren Kopf behalten, wird der Wein während des Essens allerdings auf zwei Gläser pro Kopf limitiert.  Elke Krüsmann
      © Sinn auf Rädern/BelKom