Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Denk mal; Augsburger Allgemeine vom 27.12.2003

Sinn auf Rädern: Ein ambulanter Philosoph erklärt uns die Welt.  

Die lebenslustige Sabine Naters, 42, etwa hatte sich als Verwaltungsbeamtin den Attacken ihres Chefs jahrelang widersetzt. Mobbing. Nun war sie müde, zermürbt. Erst ging sie zum Psychologen, dann zum geistlichen Seelsorger. Hilfe fand sie dort nicht. "Ich hörte Standardantworten. Aber ich suchte Denkanstöße, Entscheidungshilfen." Dann hörte sie von Markus Melchers.

Bei existentiellen Notfragen leistet der 39-Jährige vor Ort erste Gesprächshilfe. Manchmal wird daraus eine Gesprächsserie, das Honorar ist frei verhandelbar, Untergrenze 50 Euro. Der Bonner hat Philosophie und Geschichte studiert und betreibt heute "philosophische Lebensberatung". Mit seinen Klienten geht er am Rheinufer spazieren, streift über Friedhöfe, sitzt auf Parkbänken. Cafés dagegen meidet der Philosoph. "Wenn es zur Sache geht, stören Zuhörer am Nebentisch", sagt er. 

Sabine Naters rief an. Nach fünf abgelaufenen "Sitzungen" hatte sie Durchblick, katapultierte sich aus ihrer Beamtenlaufbahn und ist mittlerweile für die Öffentlichkeitsarbeit einer Privatbank zuständig. "Die Gespräche fanden in einer für mich entscheidenden Lebensphase statt, sie waren lösungsorientiert, aber es war nichts vorgegeben. In meinem Philosophen hatte ich einen vorzüglichen Zuhörer und klugen Stichwort- geber. Starke Gedanken können das Leben verändern wie große Gefühle." Markus Melchers zitiert den römischen Philosophen Seneca: "Es gibt keinen günstigen Wind für denjenigen, der nicht weiß, wohin er segelt". Er ist bemüht, seine Gesprächspartner in ru-higes Fahrwasser zu bringen. "Philosophieren heißt, eine bestimmte Haltung zur Welt einzunehmen", erklärt der Vor-Denker. 

Seine fliegende Ambulanz betreibt er bundesweit seit 1998. "Die Sinnfrage begegnet mir nur noch selten", so Melchers. Es geht darum, dass Menschen autonome Persönlichkeiten werden, nicht mehr fremd- bestimmt sein und auf Vorgedachtes zurückgreifen wollten. "Das ist das Problem der kirchlichen Seelsorge und der Psychologie. Sie haben oft keine Antworten für unsere Zeit."

Beziehungsgeräderte Singles sind immer noch dem Geheimnis der Liebe auf der Spur. Eltern wissen nicht, worauf sie ihren Nachwuchs vorbereiten sollen. Wache Zeitgenossen quälen sich an moralischen Fragen ab. Und Grauhaarigen geht die Puste aus im schnellen Wandel der Werte und Moden. Wo gibt es Orientierung? 

Das Fernsehen hilft nicht weiter, der Nachbar ist genauso ratlos, die Politik murkst herum. "Der Philosoph wird heute wieder gebraucht", stellt Melchers fest. Wobei die Klienten von ihm nicht durchweg Antworten erwarten, sondern das frei flottierende Gespräch suchen. Melchers Klienten sind zwischen 30 und 70. 75 Prozent weiblich. "Frauen bohren nach, umgetrieben von existenzieller Erkenntnis. Männer begegnen mir anfangs oft mit einer intellektuellen Attitüde und betreiben Philosophie wie Fitnesstraining." Die meisten befinden sich an einer biografischen Schnittstelle. "Es ist meine Aufgabe, nicht zuzulassen, dass sie dort stehen bleiben. Das philosophische Gespräch soll darin gipfeln, einen Zugewinn an Freiheit zu erfahren."

Wie sieht das in der Praxis aus? "Ich kann keine konkreten Tipps geben, nur Perspektiven aufzeigen. Ich begegne meinen Gastgebern gleichberechtigt, wir diskutieren, arbeiten an Lösungen. Es gibt mehrere 
gültige Antworten auf Lebenskrisen, die beste arbeiten wir ge-meinsam heraus." Der Philosoph besteht darauf, hakt nach.

Kann man aus der Philosophie einen ganz praktischen Nutzwert ziehen? "Der Mensch will mit seinen Gedanken ernstgenommen werden", gibt Melchers eine Grunderkenntnis preis. Philosophieren heißt, frei durch den eigenen Kopf schwirrende Überlegungen mit einem anderen zu erörtern. Das kann unerhörten Spaß machen, ist aber auch anstrengend. Nichts anderes haben die großen Philosophen getan. Wie einst Sokrates versteht sich auch Melchers als Geburtshelfer beim Denken.

"Ich helfe den Gedanken meiner Auftraggeber ans Licht. Jeder Begriff muss erst einmal genau auf seine Bedeutung hin abgeklopft werden. Was meint Liebe? Zuneigung, Eros, Sex?" Der Vorteil der Philosophie gegenüber anderen Herangehensweisen ist ihr universaler Anspruch, der umfassende Blick, nicht der spezielle aus einer Einzeldisziplin.

Melchers sagt: "Beim Philosophieren verschmelzen verschiedene Perspektiven immer mehr zu einem Gesamtbild."

Imanuel Kant regte an, immer neu über vier Grundfragen unseres Daseins nachzudenken: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Wer diese Fragen reflektiert, gleitet hinüber ins Abenteuer des Denkens.     Roland Mischke  

      © Sinn auf Rädern/BelKom