Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Der ambulante Philosoph, Schnüss Mai 1998

Markus Melchers - Der ambulante Philosoph    
PIZZA, MILCH ODER ZEITUNGEN WERDEN AUF WUNSCH DIREKT BIS VOR DIE WOHNUNGSTUR GELIEFERT. IN BONN GIBT‘S MEHR. ANRUF GENÜGT: MARKUS MELCHERS SCHWINGT SICH AUF‘S RAD UND BRINGT PHILOSOPHIE FREI HAUS.

Vor 15 Jahren kam er von Herzogenrath nach Bonn, um an der hiesigen Universität Philosophie zu studieren. Für seine Wahl war der Studienschwerpunkt entscheidend. "In Bonn wird der Deutsche Idealismus von Kant gelehrt. Und Kant ist halt bekan(n)t." Vom akademischen Enthusiasmus ist heute nicht viel übrig geblieben. "In der Uni herrscht eine große Verzögerung. aktuelle Themen werden sehr spärlich diskutiert. Die Veranstaltungen bestehen nur aus einer Abfolge von Referaten, es findet keine "ad hoc"-Diskussion statt." Kein Wunder, daß Markus Melchers der Lehre zunehmend den Rücken zukehrte. Es muß doch noch andere Anwendungsgebiete für Philosophie geben. Und plötzlich stand es ihm wie eine Vision vor Augen: Ein Philosophisches Café sollte her. Nach Bonn.

Was in anderen Städten funktioniert, kann doch auch hier Erfolg haben. Los ging‘s: Voller Elan stapfte er durch die Bonner Gastro-Szene, um die Cafébesitzer von seinem Vorhaben zu begeistern. Aber weit gefehlt. Absagen über Absagen donnerten ihm entgegen. Leicht niedergeschlagen machte Melchers sich auf den Heimweg. Aber so leicht sollte er nicht zu stoppen sein. Selbst ist der Mann! Wie heißt es doch so treffend: "Wenn der Prophet nicht zum Berg..." Genau. "Die Philosophie muß ihren Platz im Alltag haben."

Am besten mit philosophischen Hausbesuchen! Vor einigen Monaten hat er nun sein eigenes kleines Unternehmen aufgebaut. Sein Slogan lautet "Sinn auf Rädern". "Ich bin eigentlich erstaunt, daß so viele Leute hier anrufen und sich darauf melden. Ein Bedarf an individueller Beratung scheint vorhanden zu sein." Und so funktioniert‘s: Leute lesen seine Inserate, die "Liebe zur Weisheit" wird in ihnen geweckt, sie rufen an und machen einen Termin aus. Daraufhin schwingt sich Melchers auf seinen Drahtesel und kommt vorbei. Das paßt zu ihm, denn er entspricht mit seinen 34 Jahren so wenig der gängigen Verkörperung des alten Philosophen mit langer Lebenserfahrung.

Meist entwickeln sich dann Gespräche zwischen zwei gleichgestellten Partnern über Philosophie, die durchaus Alltägliches beinhalten können. Auch Melchers Denkweise wird zuweilen entscheidend revidiert. "lch bin nicht derjenige, der alles weiß. Ich bin genauso neugierig und überrascht von Erweiterungen in philosophischen Dingen, die mir bis dahin ganz fern lagen."

Genau von diesen Wendungen, die sich erst im Laufe des gemeinsamen Gespräches entwickeln, leben seine Hausbesuche. Der Besuch macht nicht nur dann Spaß, wenn es darum geht, "Lösungen" zu finden. Allein die Tatsache, sich mit jemandem intensiv über das jeweilige Wunschthema unterhalten zu können, bereitet großes Vergnügen. Eine Stammkundin von ihm ist z. B. eine über 70jährige Godesbergerin. "Sie wollte wissen, in welcher Weise sich die Welt verändert. Werde ich älter oder die Welt? Oder kann ich im Alter auch noch Glück erfahren?"

Die Suche nach Glück ist ein häufiger Grund, ihn um Rat zu fragen, was ihm auch einleuchtet. "Jeder erfährt Glück anders, was für den einen Glück bedeutet, kann dem anderen völlig unwichtig sein."

Über ein Thema möchte Melchers allerdings überhaupt nicht sprechen: Geld! Natürlich ist es so, daß er mit der Philosophie einmal seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte. Wieviel eine Sitzung bei ihm nun konkret kostet, dazu sagt er nur soviel: "Ich schaue mir die Leute an und entscheide dann ganz individuell über mein Honorar."

Eines steht auf jeden Fall fest: Markus Melchers ist weder Magier noch Guru, vor allem kein Therapeut oder Psychologe. "Hilfestellung im Sinne einer Heilung gibt es nicht, sondern nur Hilfestellung im Sinne was die Leute besser machen können." Kant ist tot es hilft der Melchers.  
Daniela Becker        

      © Sinn auf Rädern/BelKom