Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 17.07.2019
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Fragen Sie Dr. phil. Sophokles! Vital 1- 2002
Die Suche nach Hilfe bei alten und neueren Denkern - diese Idee findet immer mehr Anhänger. "Doktor Platon gibt Rat", heißt es mittlerweile in etwa 50 philosophischen Praxen in ganz Deutschland. Im Gespräch mit einem philosophischen Berater suchen Klienten neue Lösungs-ansätze für Alltagskonflikte, Motivationsprobleme und Beziehungsknatsch oder diskutieren die seit der Antike aktuelle Frage nach dem Sinn des Lebens im Allgemeinen und des ihren im Besonderen. Philosophische Cafés gibt es inzwischen in vielen deutschen
Städten und philosophische Ratgeber erreichen Bestseller-Auflagen. Lebenshilfe durch Kant? Das klingt nach komplizierten Theorien und schwerwiegenden Gedanken, die mit unserer Welt wenig zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall. Philosophie bringt Menschen behutsam dazu, sich selbst zu verstehen, indem sie zeigt, dass sich schon vor langer Zeit andere Men-schen mit den gleichen Problemen beschäftigten. Helena im alten Troja wollte der Sage nach schließlich auch mehr Gold, als sie bezahlen konnte, und hatte erhebliche Differenzen mit dem Ehemann und dem Geliebten…
"80 Prozent der in philosophischen Gesprächen gestellten Fragen sind Lebensberatung", sagt der Bonner Philosoph und Berater Markus Melchers. Immer häufiger kämen Menschen, die sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellten, ihre Werte im Gespräch prüfen oder neue finden wollten, meint der Rheinländer, der seit 1996 philosophische Beratung anbietet. Zu Melchers' Kunden gehören Workaholics, die neue Perspektiven suchen, ebenso wie Paare, die sich über die Kindererziehung nicht einigen können. "Neben dem Ziel, Lösungen zu finden, können meine Klienten  eine Menge über alte und neue Philosophen lernen, und vor allem können sie selbst philosophieren lernen", fasst Melchers zusammen.
Sein Kollege Friedhelm Moser beschreibt diesen Lernprozess so: "Philosophie hat viel mit vagabundierenden Gedanken zu tun. Der Philosoph liebt die Um- und Abwege. Er geht durch das Leben wie jemand, der zum ersten Mal und ohne Eile durch eine fremde Stadt flaniert." Ähnlich verläuft die Sitzung beim philosophischen Berater. Der Klient schildert, was ihn bewegt, der Berater erläutert, was Cicero oder Sophokles zu diesem Thema gesagt haben, und so lernt der Klient, seine Situation und sein Problem mit anderen Augen zu betrachten.
Im Unterschied zur Psychotherapie stehen nicht psychische Probleme und Störungen im Mittelpunkt der Beratung. "Meine Klienten haben sich häufig daran gestoßen, dass Psychologen versuchen, etwas Krankhaftes ausfindig zu machen oder alles Tun auf Erlebnisse in der Kindheit zurückzuführen", erläutert Christiane Pohl, die seit 1990 eine philosophische Praxis in Hamburg betreibt, "und dass kirchliche Seelsorger  Argumente und Lösungen oft nur in dem Rahmen suchen, den die Religion ihnen setzt." Die promovierte Philosophin Pohl, die auch Vorträge und Diskussionen über alltagsphilosophische Themen wie "Genuss, Lüste und Lebenskunst" veranstaltet, war eine der ersten, die die Renaissance der Philosophie als alltags-taugliche Wissenschaft erkannte und vorantrieb.
Noch etwas früher als sie machte die Beratungslücke zwischen Psychologie und Religion aber der Gladbacher Psychologe und Philosoph Gerd Achenbach aus, der Anfang der 80er Jahre das Konzept der philosophischen Praxis entwickelte. Mittlerweile gilt der Pionier als Instituti-on unter den philosophischen Beratern und organisiert selbst Fortbildungen für Philosophen, die eine Praxis eröffnen wollen.  "Die meisten Probleme handeln sich Menschen durch Hoffnungen, Erwartungen und Ansichten ein, die das eigene Leben und die Handlungen anderer Menschen betreffen", hat Achenbach in fast 20-jähriger Berufspraxis festgestellt. Die alten Denker wie Sokrates, Aristoteles oder Platon haben, so der Experte, den Menschen immer als Teil einer Gemeinschaft gesehen und dementsprechende Empfehlungen gegeben. Deshalb sei die Philosophie hervorragend geeignet, die Beziehung zu sich selbst sowie den Mitmenschen zu klären und herauszuarbeiten, was für einnen selbst ein gelungenes Leben bedeute.
80 bis 150 Mark kostet eine Sitzung, innerhalb dieser Spanne dürfen sich die "Gäste" genannten Klienten oftmals einen Tarif aussuchen. Manchen reicht eine einzige Sitzung, andere suchen den Philosophen regelmäßig auf. Besonders erfolgreich ist das Konzept der philosophischen Praxis mittlerweile in den USA. Aber: "Manchmal verschwimmen hier auch die Grenzen zwischen philosophischer Praxis und Psychotherapie", wie Lou Marinoff, Professor und Präsident der "American Philosophical Practitioners Association" besorgt festgestellt hat. Marinoff, der auch das Verhalten von US-Präsident Clinton in der Lewinsky-Affäre unter philosophischen Gesichtspunkten unter die Lupe nahm, versucht der Tendenz entgegenzuwir-ken, dass  immer mehr "Therapie-Flüchtlinge" in philosophische Beratungsstunden investieren. Denn: die Philosophie ersetzt keine Therapie. Die Behandlung psychischer Störungen (z. B. Zwangshandlungen, Neurosen) gehört in die Hände von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern. Wer unsicher ist, welche Art Beratung notwendig ist, sollte sich Rat von seinem Hausarzt holen.
Philosophie? Klingt nach grauer Theorie, ist aber die neueste Hilfe, Alltagsprobleme und ihre Ursachen zu beleuchten und in den Griff zu kriegen.
Stefanie Bachmann, Karin Stahlhut
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