Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 17.07.2019
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Der Denker als Dienstleister, Süddeutsche Zeitung vom 30.04.|01.05.2000

Philosophen werden in unserer modernen, hektischen Arbeitswelt gerne als ein wenig weltfremd belächelt. Anders als die Theologen, denen es da ganz ähnlich geht, haben sie zudem keinen potentiellen Arbeitgeber, der nach dem Studium die meisten von ihnen übernimmt. Seit den frühen Achtzigern versuchen die gelernten Denker verstärkt, ihre Qualifikationen auf den Markt zu bringen. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 50 Praxen, in denen Philosophen rat und neue Einsichten anbieten - die meisten nebenberuflich.  
Der Denker als Dienstleister 
Philosophen bieten sich als Berater für Firmen und Privatleute an, doch bislang kann kaum einer davon leben  Was sollen ein Geschäftsführer oder eine Drehbuchautorin, eine Maklerin oder ein Systemprogrammierer mit Philosophie anfangen? Vielleicht lesen sie gerne mal in ihrer Freizeit, was den Denkern vergangener Zeiten so durch den Kopf ging aber im täglichen Leben, in der Arbeitswelt von heute hat das kaum mehr eine Bedeutung. Und gar noch Dienstleistungen bei einem Philosophen bestellen, so wie man Aufträge an Texter,Trainer und Consultants vergibt? Unvorstellbar.

Nicht für Markus Melchers. "Philosophie findet überall dort statt, wo Menschen miteinander sprechen", sagt er, "und in der Philosophie liegt eine Menge nützlichen Wissen, das bei uns viel zu wenig für den Alltag brauchbar gemacht wird." Eben diesen Wissen vermittelt Melchers: Der studierte Philosoph bietet Menschen Beratung in vielfältigen Lebenslagen an. Da wenden sich Eltern an ihn, die ihr Kind taufen lassen wollen. Einen Manager beschäftigt, was ein Ehrenwort gilt, und der Ingenieur fragt nach dem Sinn moderner Technikentwicklung.

Die Grundidee einer alltagstauglichen Philosophie, die jenseits wissenschaftlicher Elfenbeintürme die modernen Menschen erreicht, wurde Anfang der 80er Jahre von Gerd Achenbach entwickelt. Er gründete die erste "Philosophische Praxis". Ihr Ziel: "Menschen zu helfen, sich in der Welt zurecht zu finden." Inzwischen gibt es rund 50 philosophische Praxen in Deutschland, und Achenbach Beratungsinstitut in Bergisch-Gladbach bei Köln ist immer noch eine der bekanntesten. 

Als Seelsorger verstehen sich philosophische Berater ebenso wenig wie als Therapeuten: Menschen mit psychischen Problemen werden an die Kollegen und Kolleginnen vom Fach verwiesen. "Denn einsichtsfähig muss der Mensch schon", sagt Markus Melchers. Er sucht seine Kunden dort auf, wo sie es wünschen. Er trifft sie im Café oder geht mit ihnen am Rhein spazieren. Damit möchte er selbst Distanz abbauen.
Unter dem Motto "Sinn auf Rädern" ist er mit dem Fahrrad - manchmal auch im Zug - im Bonner Baum unterwegs.  

Bedrohlicher Diskurs
"Ähnlich wie ein Künstler beim Malen eines Bildes manchmal zurücktritt, um das Geschaffene aus einer weiteren Perspektive zu betrachten, hilft der Philosoph den Ratsuchenden, aus dem Wirrwarr ihrer Gedanken mit Hilfe philosophischer Ansätze einen anderen Blickwinkel zu entwickeln", erklärt Friedrich Lövenich seine Tätigkeit.  Aus der Distanz ließen sich Strukturen, Zusammenhänge und Widersprüche besser erkennen. Grenzen und neue Chancen würde so sichtbar gemacht.

"Philosophie ist sinnvoll organisierter, produktiv gemachter Zweifel", sagt der Kölner Philosoph und promovierte Soziologe Lövenich, der auch als Journalist und Lektor arbeitet. In Seminaren wollte er Managern vermitteln, wie man in der Wirtschaft durch immer wieder veränderten Umgang mit Fragestellungen ein kritisches und kreatives Bewußtsein entwickeln kann. Seine Angebote stießen jedoch auf geringes Interesse. "Manager wollen nicht selber denken, sondern Rezepte vorgesetzt bekommen", urteilt Lövenich heute über die Wirtschaftsbosse. Tatsächlich scheint Philosophie bisher vornehmlich in Form von Sonntagsreden stattzufinden. Eingeladen werden dazu gerne Professoren von Rang und Namen, das macht sich gut für das Image. Lövenich, der in der Erwachsenenbildung philosophische Gesprächskrei-se organisiert, will aber, dass die Leute sich aktiv mit den einschlägigen Fragen auseinander setzen. Den Vorwand Zeitmangel lässt er nicht gelten. Er glaubt vielmehr, dass viele Manager den philosophischen Diskurs als bedrohlich erleben: "Wenn sich Führungskräfte in einem Gesprächskreis beispielsweise mit dem Thema Glück auseinander setzen sollen, müssen sie auch ihre Einstellungen oder zumindest einzelne Standpunkte in Frage stellen." 

Ganz anders die Erfahrungen des Stuttgarter Philosophieprofessors Christoph Hubig: Inzwischen gebe es in großen Firmen doch Interesse an philosophischen Gedankenwerkstätten, sagt er. Die Absolventen seines Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie, technik- und Kulturphilosophie würden ihm "aus den Händen gerissen". Dem Großteil der rund 23 000 Studierenden des Fachs Philosophie in Deutschland scheint das noch nicht bekannt zu sein. Sie streben mehrheitlich in die etwa 2500 Stellen, die es nach Angaben der Allgemeinen Deutschen Gesellschaft für Philoso-phie (ADGP) auf dem klassischen Arbeitsmarkt - also an Schulen und Universitäten - gibt. Allein im Wintersemester 1997/98 haben jedoch nach Angaben der Hochscbulrektorenkonferenz fast 7300 Philosophen ihre Prüfung abgelegt. Wer nicht umsattelt verdient mit Taxifahren oder Volkshochschulkursen seine Brötchen. "Philosophen haben den Vortein, dass sie elastisch denken können", sagt Wolfram Hogrebe, Professor für theoretische Philosophie der Universität Bonn. Warum solle so jemand nicht zum Beispiel als Assistentin der Geschäftsführung in einem Unternehmen eine Koordinierungsaufgabe übernehmen oder als Redenschreiber einen Politiker unterstützen? Eine Studienreform in Richtung Praxisbezug komme deswegen jedoch nicht in Frage, sagt der ADGP-Präsident Hogrebe: ,,Wir wollen doch aus der Philosophie keine Micky-Maus-Veranstaltung machen.“ Als erstklassiger Kenner Wittgensteinschen oder Platonischen Denkens könne man in vielen Bereichen tätig sein. Arbeitsmarktrelevante Qualifikationen wie Präsentationsfähigkeiten oder kommunikative Kompetenz könnten seine Studenten in den Seminaren erwerben. 

Marketing im Kulturbistro
Mit professionelleren Methoden der Selbstvermarktung jedoch käme Markus Melchers seinem Ziel näher, von seiner Arbeit leben zu können. Er würde auch ein Wirtschaftsunternehmen beraten: "Wenn es dort einen Konsens darüber gibt, dass miteinander wirtschaften auch Aspekte beinhaltet wie Wohlbefinden und Zufriedenheit als menschliche Grundbedürfnisse", sagt Markus Melchers der sich schon mit 15 Jahren nach der Lektüre von Otto Zierers 22-bändiger Weltgeschichte für seinen Berufsweg entschied. Derzeit ist sein einziges Marketinginstrument noch immer das "Philosophische Café", das er monatlich im Bonner Kulturbistro Pauke veranstaltet. Demnächst passend zur politischen Thematik der vergangenen Monate mit der Fragestellung: Warum soll ich ehrlich sein? Sibylle Nagler-Springmann

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