Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Der Sinn kommt auf Rädern, Berliner Morgenpost vom 21.05.2000
Der Sinn kommt auf Rädern. Praktische Tipps statt hochgeistiger Theorie: Wie Philosophen durch Gespräche den Menschen im Alltag helfen
Nicht wenige Menschen denken bei Philosophie an Sätze wie diesen: «Der Entwurf des eigensten Seinkönnens ist dem Faktum der Geworfenheit in das Da überantwortet.» Jawoll! möchte man Martin Heidegger zurufen, von dem dieser Wortverhau stammt und der hoffentlich selber gewusst hat, was er damit meinte. Man könnte freilich auch den Braunschweiger Philosophen Gerhard Vollmer zu Wort kommen lassen: «Die Philoso-phen in Deutschland haben es versäumt, sich unentbehrlich zu machen, also zu zeigen, wozu man sie eigentlich brauchen kann.» Auch Heideggers Abstraktions-Akrobatik verankert die Philosophie nicht im Alltag.  Viel besser kann das Markus Melchers. Seit zwei Jahren bietet der 36-Jährige in Bonn einen Beratungs-Service an, den er pfiffig «Sinn auf Rädern» nennt. Ihn hat schon an der Uni geärgert, wenn Professoren ihren Studenten den Praxisbezug nicht verdeutlichen konnten. «Philosophen reflektieren gern über das, was schon vor tausend Jahren gedacht worden ist, ohne es auf unsere Zeit herunter zu brechen», bemängelt Melchers. Antike Denker wie Aristoteles hätten ihre Zeitgenossen in öffentlichen Debatten oft genug verblüfft und zum Umdenken bewegt.
Melchers' Kunden beschäftigt so ziemlich alles, was das Leben an Fragen aufwirft. Da würde ein Elternpaar gern wissen, welche Werte es seinen Kindern vermitteln, ein anderes, ob es sein Kind taufen soll. Und ein Manager sucht zu klären, ob die Dinge wirklich so sind, wie er sie sieht. Wenn Melchers meint, er könne helfen, besucht er den Kunden zu Hause. «Ich will den Wartesaal vermeiden», sagt Melchers. Durch eine Praxis-Tür entstünde ein hinderliches «Gefälle» zwischen Philosoph und Kunde. Schon das Bemühen, «gegen Geld zu denken», sei heikel genug.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich deutsche Personalchefs die Finger nach Philosophen leckten. Das wissen auch die etwa 22 600 Studenten des Fachs. Laut der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie gibt es für sie nur 2500 Stellen auf dem klassischen Arbeitsmarkt, also an Universitäten und Schulen. Allein im Wintersemester 1997/98 haben fast 7300 Philosophie-Studenten ihre Prüfung absolviert. Wer sich nicht als Taxifahrer oder als «billiger Lektor bei einem Verlag» (Melchers) verdingen möchte, muss sich etwas überlegen.
Noch kann Melchers nicht von «Sinn auf Rädern» leben, doch er glaubt an seine Idee. Und er hat eine Frau, die ihn mit Zuspruch und Einkom-men unterstützt. Bei den Banken ist er abgeblitzt, als er ein Darlehen zur Unternehmens-Gründung wollte. Geld verdienen könne er allenfalls «mit Trommel-Kursen und Psychotherapie», habe der Bankangestellte gemeint. Auf den großen Durchbruch wartet Melchers noch: Bislang ruft erst eine Hand voll Kunden pro Monat an, und nicht mit jedem trifft er sich, schon gar nicht mehrmals. Das Honorar vereinbart er frei: «Ich frage meine Kunden, was ihnen das Gespräch wert ist.»
Um sein Konzept bekannter zu machen, veranstaltet er jeden Monat ein Philosophisches Café in Bonn, in dem über Themen wie «Wann darf ich lügen?», «Langeweile» oder «Was ist Glück» diskutiert wird. Nach der Debatte kreist der Klingelbeutel.
Er sei kein Therapeut, sagt Melchers immer wieder. «Heilen kann ich nicht.» Er lehnt weitere Gespräche ab, «wenn das Problem ins Pathologische geht», der Kunde wirr redet oder bedenklich aggressiv zu sein scheint. «Einsichtsfähig muss der Mensch zum Philosophieren schon sein.» Angst zu haben, dass die Menschen plötzlich keine Probleme mehr bei sich erkennen, braucht er nicht. «Die zunehmende Vereinzelung setzt viele unter wachsenden Druck.» Weder Esoterik noch immer neue Psychotherapien würden aber weiter helfen. «Die Menschen werden lernen, dass sie auf ihren Verstand zurückgreifen sollten und auch dauerhaft können.» Sein Wort in Gottes Ohr - oder auch in Platos, wenn es denn hilft.  Zu viel Psychologisieren und zu wenig Philosophie im Alltagsleben kritisiert auch Gerd Achenbach. Er führt eine philosophischen Praxis in Bergisch-Gladbach bei Köln, das theoretische Fundament dazu hat er bereits 1981 gelegt. Mittlerweile sind etwa 50 Praxen nach seinem Vorbild in Deutschland am Werk. Für Menschen, die auffallend oft und schmerzlich unter Einsamkeit leiden und schon deshalb zum Psychologen rennen, hat der promovierte Philosoph überraschende Gedanken parat: Der so gepriesene Individualismus sei «mit der Irritation von Orientierung» erkauft worden. Hier helfe die Philosophie, da sie Gehalte des Lebens schaffe, die nicht um jeden Preis «von anderen bestätigt» werden müssen. «Einsamkeit wird erträglich, je mehr ich mir meiner Sache sicher bin. Philosophie ist Kultivierung der Einsamkeitsfähigkeit», sagt Achenbach. Auch Tod und Alter sind häufige Themen in seiner Praxis. «Zu mir kommen Menschen, die über den Tod sprechen wollen, aber mit Gottes Bodenpersonal irreparabel entzweit sind.» 
Bei Einzelgesprächen, Vorträgen und philosophischen Abenden in seiner Praxis erklärt der Lebensberater seinen Kunden immer wieder, dass sie nicht litten, weil sie unzu-länglich seien. «Die meisten Probleme handeln sich Menschen nicht durch seelische Defekte ein, sondern durch Hoffnungen, Erwartungen, Ansichten», sagt Achenbach. Die Ehe etwa sei «nicht in der Krise, weil die Eheleute seelische Mängel hätten, sondern weil sie von der Ehe eine bestimmte Vorstellung haben». Die Psychologie sei nur am Individuum statt am «Wir» in einer Ehe oder Familie interessiert. Sie bringe den «cleveren Egoisten» hervor. Freilich rate auch er manchen seiner Gesprächspartner, einen Therapeuten aufzusuchen, wenn ein Problem dort besser aufgehoben sei. 
Obwohl Markus Melchers eine Philosophen-Praxis nicht gutheißt, findet er Achenbachs Anstoß für die Philosophie «phantastisch», weil dieser die meist als lebensfern und staubtrocken empfundene Wissenschaft «wieder näher an die Menschen gerückt» habe. Ein «gelingendes Leben» steht wie schon in der Antike im Zentrum beratender Philosophen. Achenbach sagt, viele seiner Kunden seien «auf die falsche Lebensbahn geraten». Auffällig sei dies gerade bei Medizinern, «wo der Sohn Arzt geworden ist, weil Großvater und Vater das auch waren». Jetzt steckten die Doktoren «kreuzunglücklich in ihrem Beruf fest» und wüssten nicht mehr ein noch aus. Manchmal muss Achenbach den Verzweifelten «nur» helfen zu erkennen, dass sie sich nicht länger um eine Entscheidung drücken können. 
Wer wie Achenbach nicht mit Spott an der Hochschul-Philosophie und manchen Professoren spart, hat auch Kritiker. Die fühlen sich provoziert, wenn er sagt: «Es gibt Philosophen, mit denen kann man sich nicht einmal fünf Minuten vernünftig unterhalten, weil sie ihr eigenes Denken komplett gegen bereits vorgedachte Gedanken anderer Philosophen eingetauscht haben.»  Doch sein Ansatz findet inzwischen auch viele Unterstützer. Der Vorstand der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie weist zwar die pauschale Kritik an den Philosophie-Dozenten zurück. Doch laut Achenbach werde dort überlegt, wie man die Lehrpläne für den Ansatz der Philosophischen Praxis öffnen könnte. Bei aller Sympathie für Philosophen als Lebensberater hält der Stuttgarter Philosophie-Professor Christoph Hubig ihr Wirken doch für eine «zweischneidige Sache». Schon Aristoteles habe das öffentliche Gespräch dem individuellen vorgezogen. Hubig drängt auf einen «Abgleich unterschiedlicher Meinungen und Werte», und der sei im Zwiegespräch kaum möglich. Es gelte die Regel: «Je öffentlicher, desto philosophischer.»  Jungen Philosophen, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen, schlägt Hubig aber lieber ein solides Kombinations-Studium vor. Die Absolventen seines Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie, Technik- und Kulturphilosophie etwa würden ihm «aus den Händen gerissen». Viele Unternehmen leisteten sich inzwischen nämlich «Spinnerecken» für Philosophen - in Abteilungen wie etwa «Technik und Gesellschaft» oder «Technik und Philosophie». Walter Schmidt
      © Sinn auf Rädern/BelKom