Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Der Sinn-Kurier, Kölner Stadt Anzeiger vom 17. |18.06.2000

Nach dem Studium gucken die meisten Philosophen auf dem Arbeitsmarkt in die Röhre oder lassen der Promotion gleich den Taxischein folgen. das muss nicht sein, findet Markus Melchers. Der Philosoph aus Bonn hat sich auf sinnstiftende Hausbesuche spezialisiert und  kommt seinen Kunden mit dem Fahrrad entgegen. Walter Schmidt über eine gewagte Geschäftsidee. 
Der Sinn-Kurier    
Viele Menschen denken bei Philosophie an Sätze wie diesen: "Der Entwurf des eigensten Seinkönnens ist dem Faktum der Geworfenheit in das Da überantwortet." Jawoll! möchte man Martin Heidegger zurufen, von dem dieser Wortverhau stammt und der hoffentlich selber gewusst hat, was er damit meinte. Man könnte freilich auch den Braunschweiger   Philosophen Gerhard Vollmer zu Wort kommen lassen: "Die Philosophen in Deutschland haben es versäumt, sich unentbehrlich zu machen, also zu zeigen, wozu man sie eigentlich brauchen kann." Auch Heideggers Abstraktions-Akrobatik verankert die Philosophie nicht im Alltag. 
Viel besser kann das Markus Melchers. Seit zwei Jahren bietet der 36-Jährige in Bonn einen Beratungs-Service an, den er "Sinn auf Rädern" nennt. Ihn hat schon an der Uni geärgert, wenn Professoren ihren Studenten den Praxisbezug nicht verdeutlichen konnten, den die Philosophie in sich trägt. "Philosophen reflektieren gern über das, was schon vor tausend   Jahren gedacht worden ist, ohne es auf unsere Zeit herunterzubrechen", bemängelt Melchers. Antike Denker wie Aristoteles hätten ihre Zeitgenossen in öffentlichen Debatten oft genug verblüfft und zum Umdenken bewegt. 
Melchers' Kunden beschäftigt so ziemlich alles, was das Leben an Fragen aufwirft. Da würde ein Elternpaar gern wissen, welche Werte es seinen Kindern vermitteln, ein anderes, ob es sein Kind taufen lassen soll. Und ein Manager sucht Beistand beim klären der Frage, ob die Dinge wirklich so sind, wie er sie sieht.
Wenn Melchers meint, er könne helfen, schwingt er sich zum vereinbarten Termin auf sein Rad und besucht den Kunden zu Hause. "Ich will den Wartesaal vermeiden", sagt Melchers. Durch das Anklopfen an einer Praxis-Tür entstünde ein hinderliches "Gefälle" zwischen Phi-losoph und Kunde. Schon das Bemühen, "gegen Geld zu denken", sei heikel genug. Manchen Ratsuchenden ist es lieber beim Spazierengehen zu reden. Kein Problem: Dann wandeln Melchers und sein Klient eben am Rhein entlang. Entscheidend ist: "Philosophie findet nicht zwischen den Ohren statt, sondern dort, wo Menschen miteinander sprechen", sagt der Sinn-Kurier.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich deutsche Personalchefs die Finger nach Philosophen leckten. Das wissen auch die rund 22 600 Studenten des Fachs. Nach Angaben der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie gibt es für sie nur 2500 Stellen auf dem klassischen Arbeitsmarkt, also an Unis und Schulen. Allein im Wintersemester 1997/98 haben nach Informationen der Hochschulrektoren-Konferenz fast 7300 Philosophie-Studenten ihre Prüfung absolviert. Wer nicht als Taxifahrer sein Brot verdienen möchte, muss sich also etwas überlegen.
Noch kann Melchers nicht von "Sinn auf Rädern" leben, doch er glaubt an seine Idee. Und er hat eine Frau, die ihn mit Zuspruch und Einkommen unterstützt. Bei den Banken ist er abgeblitzt, als er ein Darlehen zur Unternehmens-Gründung wollte. Geld verdienen könne er allenfalls "mit Trommel-Kursen und Psychotherapie", habe der Bankangestellte gemeint.   "Die fördern halt nur Handwerker oder Computerfritzen", sagt Melchers ernüchtert. Ein bisschen mehr Zuspruch könnte seine Sinn-Stiftung schon noch vertragen: Bislang ruft erst eine Handvoll Kunden pro Monat an, und nicht mit jedem trifft sich Melchers, schon gar nicht mehrmals. Das Honorar vereinbart er frei: "Ich frage meine Kunden, was ihnen das   Gespräch wert ist", sagt der radelnde Philosoph. Um sein Konzept bekannter zu machen, veranstaltet er jeden Monat ein Philosophisches Café in Bonn, bei dem es um Fragen wie "Wann darf ich lügen?" oder "Was ist Glück" geht. Nach der Debatte kreist der Klingelbeutel. 
Was Melchers immer betont, gerade seinen Kunden gegenüber "Ich bin kein Therapeut. Heilen kann ich nicht." Er lehnt weitere Gespräche ab, "wenn das Problem ins Pathologische geht", der Kunde wirr redet oder bedenklich aggressiv zu sein scheint. "Einsichtsfähig muss der Mensch zum Philosophieren schon sein." Angst zu haben, dass die Menschen plötzlich keine Probleme mehr bei sich erkennen, braucht er eben so wenig wie die Psychologen-Zunft. "Die zunehmende Vereinzelung setzt viele unter wachsenden Druck", sagt Melchers. Weder Esoterik noch immer neue Psychotherapien   würden aber weiter helfen; die Psychoanalyse verlängere gar die Unmündigkeit des Menschen, das sie ihn in der   Opferrolle belasse. "Die Menschen werden lernen, dass sie auf ihren Verstand zurückgreifen sollten und auch dauerhaft können", sagt Melchers diesmal zuversichtlich. Sein Wort in Got-tes Ohr - oder auch in Platos, wenn es denn hilft.
Zu viel Psychologisieren und zu wenig Philosophie im Alltagsleben kritisiert auch Gerd Achenbach. Er führt eine philosophischen Praxis in Bergisch-Gladbach bei Köln, das theoretische Fundament dazu hat er bereits 1981 gelegt. Mittlerweile sind etwa 50 Praxen nach seinem Vorbild in Deutschland am Werk. Für Menschen der westlichen Welt, die   auffallend oft und schmerzlich unter Einsamkeit leiden und schon deshalb zum Psychologen rennen, hat der promovierte Philosoph überraschende Gedanken parat: Der so gepriesene Individualismus sei "mit der Irritation von Orientierung" erkauft worden. Hier helfe die Philosophie, da sie Gehalte des Lebens schaffe, die nicht um jeden Preis "von anderen   bestätigt" werden müssen. "Einsamkeit wird erträglich, je mehr ich mir meiner Sache sicher bin. Philosophie ist Kultivierung der Einsamkeitsfähigkeit", sagt Achenbach. Auch Tod und Alter sind häufige Themen in seiner Praxis. "Zu mir kommen Menschen, die über den Tod sprechen wollen, aber mit Gottes Bodenpersonal irreparabel entzweit sind", berichtet er. "Sie trauen Priestern kein neutrales Urteil zu."   
Bei Einzelgesprächen, Vorträgen und philosophischen Abenden in seiner Praxis erklärt der Lebensberater seinen Kunden immer wieder, dass sie nicht etwa deshalb litten, weil sie psychisch unzuläng-lich seien. "Die meisten Probleme handeln sich Menschen nicht durch seelische Defekte ein, sondern durch Hoffnungen, Erwartungen, Ansichten", sagt Achenbach. Die Ehe etwa sei "nicht in der Krise, weil die Eheleute seelische Mängel hätten, sondern weil sie von der Ehe so denken, wie sie jeweils von ihr denken". Die Psychologie sei nur am Individuum statt am "Wir" in einer Ehe oder Familie interessiert. Sie bringe den "cleveren Egoisten" hervor. Freilich rate auch er manchen seiner Gesprächspartner, einen   Therapeuten aufzusuchen, wenn ein Problem dort besser aufgehoben sei, versichert Achenbach. Er betreibe schließlich "keine Heilpraxis".   
Obwohl Markus Melchers eine Philosophen-Praxis nicht gutheißt, findet er Achenbachs Anstoß für die Philosophie "phantastisch", weil dieser die meist als lebensfern und staubtrocken empfundene Wissenschaft "wieder näher an die Menschen gerückt" habe. Ein "gelingendes Leben" steht wie schon in der Antike im Zentrum beratender Philosophen.   Laut Gerd Achenbach seien viele seiner Kunden "auf die falsche Lebensbahn geraten". Auf-fällig sei dies gerade bei Medizinern, "wo der Sohn Arzt geworden ist, weil Großvater und Vater das auch waren". Jetzt steckten die Doktoren "kreuzunglücklich in ihrem Beruf fest" und wüssten nicht mehr ein noch aus. Manchmal muss Achenbach den Verzweifelten "nur" dabei helfen zu erkennen, dass sie sich nicht länger um eine Entscheidung drücken können, die vieles  in ihrem Leben umstürzen wird. Dazu müssen sie erst einmal Mut fassen - so wie der hochspezialisierte Ingenieur, der sich nach zig glücklosen Berufsjahren deprimiert und selbstmordgefährdet endlich entschloss, umzusatteln und Stuckateur zu werden.      Wer wie Achenbach nicht mit Spott an der Hochschul-Philosophie und manchen Professoren spart, hat auch Kritiker. Die fühlen sich provoziert, wenn er sagt: "Es gibt Philosophen, mit denen kann man sich nicht einmal fünf Minuten vernünftig beim Brunch unterhalten, weil sie ihr eigenes Denken komplett gegen bereits vorgedachte Gedanken anderer Philosophen   eingetauscht haben." Achenbach sieht unter seinen Kritikern "Leute, die wahrscheinlich ahnen: wenn Sie einen Gesprächspartner fänden, mit dem sie philosophieren dürften, dann müssten sie dem auch noch Geld bezahlen, damit er ihnen überhaupt zuhört und die Tortur erträgt."
Doch sein Ansatz finde inzwischen auch viele Unterstützer. Der Vorstand der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie weist zwar die pauschale Kritik an den Philosophie-Dozenten zurück. Doch laut Achenbach werde dort überlegt, wie man die Lehrpläne für den Ansatz der Philosophischen Praxis öffnen könnte. "Die kämen ihrer Verantwortungspflicht auch   schlecht nach, wenn sie sich über die Jobchancen der Uni-Absolventen keine Gedanken machten."
Bei aller Sympathie für Philosophen als Lebensberater hält der Präsident der Allgemeinen Gesellschaft, der Stuttgarter Philosophie-Professor Christoph Hubig ihr Wirken doch für eine "zweischneidige Sache". Denn schon Aristoteles habe das öffentliche Gespräch dem individuellen vorgezogen. Hubig drängt auf einen "Abgleich unterschiedlicher Meinungen und Werte", und der sei im Zwiegespräch kaum möglich. Es gelte die Regel: "Je öffentlicher, desto philosophischer." Jungen Philosophen, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen, schlägt Hubig aber lieber ein solides Kombinations-Studium vor. Die Absolventen seines Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie, Technik- und Kulturphilosophie   etwa würden ihm "aus den Händen gerissen". Viele Unternehmen leisteten sich inzwischen nämlich "Spinnerecken" für Philosophen. Stabsabteilungen wie "Technik und Gesellschaft" oder "Technik und Philosophie seien keine Seltenheit mehr in großen Firmen. Erforderlich sei jedoch ein zweites fachliches Standbein, etwa als Jurist oder Bankkaufrau, damit die Phi-losophen nicht "freischwebend die Bodenhaftung verlieren". Walter Schmidt 

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