Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 17.07.2019
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GEDANKENGÄNGE. Lebenshilfe, NRZ vom 20.03.2003

Der Bonner Markus Melchers bietet als ambulanter Philosoph seine Dienste an. Ein Kurier bei Sinnfragen

BONN. Zur Sicherheit hat Markus Melchers gestern Nachmittag noch drei philosophische Aufsätze zur "Heuchelei in der Medizin" studiert. Wenn Melchers morgen ab 20 Uhr in einem Bonner Bistro wie jeden Monat zum "Philosophischen Cafe´" lädt, wird das Thema diesmal "Lüge und Heuchelei" heißen. Da will er sich stets aktuell vorbereiten. Doch der 39-jährige geht davon aus, dass sich die Diskussion nur um ein Thema drehen wird: den Irak-Krieg. Ist der Feldzug gerecht, ist er gerechtfertigt? Fragen, die Melchers derzeit öfter hört.

Seit fünf Jahren bietet Markus Melchers in Bonn seine Dienste an, als "ambulanter Philosoph" oder Moderator philosophischer Debatten. Wenn bei ihm das Telefon klingelt, will niemand eine Pizza bestellen, sondern geistiges Futter. Da möchte ein Elternpaar wissen, welche Werte es seinen Kindern vermitteln, ein anderes, ob es sein Kind taufen soll. Oder eine Akademikerin fragt sich, ob zwei Staaten einander moralisch genau so verpflichtet sind wie zwei Menschen. Wenn Melchers glaubt, er könne helfen, schwingt er sich auf   sein Rad und besucht den Kunden zu Hause. Oder man spaziert am Rhein entlang und setzt die Gedanken gehend in Fluss. In erster Linie beginnen solche Gespräche mit "Begründungsfragen", sagt Melchers. Zum Beispiel: Mit welcher Rechtfertigung betreiben die USA ihren Irak-Feldzug? Dabei komme es allerdings nicht darauf an, was Melchers - selbst anerkannter Kriegsdienstverweigerer - dazu meint, sondern was aus philosophischer Sicht etwa hinter der Begründung von US-Präsident George W. Bush steckt, der von einem "gerechten Krieg" spricht.

Was dann mit der Herleitung aus der Religionsphilosphie Thomas von Aquins beginnt, mündet in ein vorher zumeist auf zwei Stunden festgelegtes Gespräch.  Darin geht es dann um Fragen wie: "Wann ist Gewalt gerechtfertigt?" oder "Ist ein Krieg gerecht, auch wenn er Unschuldige trifft?" Fragen, die letztlich "allein mit philosophischen Mitteln nicht zu klären sind", gesteht Melchers, weil die Fakten sich ja nicht leugnen lassen: "Unter jedem Krieg leiden Unschuldige". Es brauche daher "Hilfsinstrumente",   etwa Regeln der Kriegsführung. Solche Erkenntnisse seien "nicht tröstlich, aber es macht die Situation emotional überschaubar", sagt Melchers. Sein Ziel: "Es geht darum, Erlebtes greifbar zu machen, Worte für etwas zu finden, wenn man sprachlos ist."

Der 39-jährige Sinn-Kurier zählt sich nicht zu den bundesweit rund 50 Philosophen mit eigener Beratungspraxis, verfolgt aber einen ähnlichen Ansatz. Er bietet "Sinn auf Rädern" an und will so selber ein Manko beseitigen helfen, dass ihn schon an der Uni geärgert hat. "Philosophen reflektieren gerne über das, was schon vor tausend Jahren gedacht worden ist, brechen es aber nicht auf unsere Zeit herunter", bemängelt Melchers. Ihm fehlt der   Bezug zum richtigen Leben, den in der Antike Philosophen wie Aristoteles in ihren öffentlichen Debatten routiniert hergestellt und ihre Zeitgenossen damit oft verblüfft haben.

Eine solche Reaktion freilich erzielt nur, wer verständlich reden kann und nicht in erster Linie versuche, "seine Zugehörigkeit zur Zunft der Philosophie-Professoren zu beweisen", wie der Wiener Philosoph und Herausgeber der Zeitschrift für Philosophie, Joachim Jung, kritisiert hat. Melchers glaubt an seine Idee, vor allem seit nach einer anfänglichen Durststrecke immer mehr Sinnsucher ihn anrufen, um sich mit ihm zu treffen oder wenigstens mal zu erschnuppern, was sie von einem mobilen Philosophen halten sollen. Das Honorar vereinbart er frei: "Ich frage meine Kunden, was ihnen das Gespräch wert ist", sagt der radelnde Philosoph. Melchers  sieht sich nicht als Therapeut: "Heilen kann ich nicht." Er lehnt weitere Gespräche ab, "wenn das Problem ins Pathologische geht", der Kunde wirr redet oder bedenklich aggressiv zu sein scheint. "Einsichtsfähig muss der Mensch zum Philosophieren schon sein", betont Melchers.

Auch als inzwischen zweifacher Buchautor regt der Bonner seine Mitmenschen zum Nachsinnen an. Zusammen mit seinem Fach-Kollegen und Freund Thomas Ebers hat Melchers ein Buch über das Philosophieren mit Kindern geschrieben ("Wie kommen die Bäume in den Wald?"). Kürzlich ist das neue Werk der beiden erschienen: Vom "Wert der Wertedebatte". Um sein Konzept bekannter zu machen, veranstaltet Melchers jeden  Monat ein Philosophisches Café in Bonn, bei dem es um Fragen geht wie "Wann darf ich lügen?" oder schlicht um "Langeweile". Nach der Debatte kreist der Klingelbeutel. Fünfundfünfzig solcher Veranstaltungen gab es inzwischen. Ende Februar hieß der Titel "Sinn und Unsinn". Hätte auch zum Irak-Krieg gepasst. War aber, sagt Melchers, "auf Karneval hin ausgerichtet".

WALTER SCHMIDT / DAGOBERT ERNST 

      © Sinn auf Rädern/BelKom