Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Philosophie fürs Leben. Frag nach bei Plato! - Sächsische Zeitung vom 30.|31. Dezember 2000
PHILOSOPHISCHE PRAXEN HELFEN ZEITGENOSSEN AUS DER PATSCHE: EIN BONNER WISSENSCHAFTLER BIETET «SINN AUF RÄDERN» AN. 
Nicht wenige Menschen denken bei Philosophie an Sätze wie diesen: «Der Entwurf des eigensten Seinkönnens ist dem Faktum der Geworfenheit in das Da überantwortet.» Jawoll! möchte man Martin Heidegger zurufen, von dem dieser Wortverhau stammt und der hoffentlich selber gewusst hat, was er damit meinte. Der Braunschweiger Philosoph Gerhard Vollmer zu Wort kommentiert das auf seine Weise: «Die Philosophen in Deutschland haben es versäumt, sich unentbehrlich zu machen, also zu zeigen, wozu man sie eigentlich brauchen kann.» 
Markus Melchers hat sich diese Kritik zu Herzen genommen. Seit zwei Jahren bietet der 36-Jährige in Bonn einen Beratungs-Service an, den er pfiffig «Sinn auf Rädern» nennt. Ihn hat schon an der Uni geärgert, wenn Professoren ihren Studenten den Praxisbezug nicht verdeutlichen konnten. «Philosophen reflektieren gern über das, was schon vor tausend Jahren gedacht worden ist, ohne es auf unsere Zeit herunterzubrechen», bemängelt Melchers. Antike Denker wie Aristoteles hätten ihre Zeitgenossen in öffentlichen Debatten oft genug verblüfft und zum Umdenken bewegt.  Melchers' Kunden beschäftigt so ziemlich alles, was das Leben an Fragen aufwirft. Da würde ein Elternpaar gern wissen, welche Werte es seinen Kindern vermitteln, ein anderes, ob es sein Kind taufen soll. Und ein Manager sucht Beistand beim Klären der Frage, ob die Dinge wirklich so sind, wie er sie sieht. 

Heikel: Für Geld denken 

Wenn Melchers meint, er könne helfen, schwingt er sich auf sein Rad und besucht den Kunden zu Hause. «Ich will den Wartesaal vermeiden», sagt Melchers. Durch das Anklopfen an einer Praxis-Tür entstünde ein hinderliches «Gefälle» zwischen Philosoph und Kunde. Schon das Bemühen, «gegen Geld zu denken», sei heikel genug. Manchen Ratsuchenden ist es lieber, beim Spazierengehen zu reden. Kein Problem: Dann wandeln Melchers und sein Klient eben am Rhein entlang. Entscheidend ist: «Philosophie findet nicht zwischen den Ohren statt, sondern dort, wo Menschen miteinander sprechen», sagt der Sinn-Kurier. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich deutsche Personalchefs die Finger nach Philosophen leckten. Das wissen auch die rund 22 600 eingeschrieben Studierenden des Fachs. Nach Angaben der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie stehen ihrer Schar nur etwa 2500 Stellen auf dem klassischen Arbeitsmarkt, also an Universitäten und Schulen. Wer nicht als Taxifahrer oder - wie Melchers sagt - als «billiger Lektor bei einem Verlag» sein Brot verdienen möchte, muss also sich etwas überlegen.  Noch kann Melchers nicht von «Sinn auf Rädern» leben, doch er glaubt an seine Idee. Und er hat eine Frau, die ihn mit Zuspruch und ihrem Einkommen unterstützt. Bei den Banken ist er abgeblitzt, als er ein Darlehen zur Unternehmens-Gründung wollte. Geld verdienen könne er allenfalls «mit Trommel-Kursen und Psychotherapie», habe der Bankan-gestellte gemeint.

Klingelbeutel satt Honorar

 Bislang ruft erst eine Hand voll Kunden pro Monat an, und nicht mit jedem trifft sich Melchers, schon gar nicht mehrmals. Das Honorar vereinbart er frei: «Ich frage meine Kunden, was ihnen das Gespräch wert ist.» Um sein Konzept bekannter zu machen, veranstaltet er jeden Monat ein Philosophisches Café in Bonn, bei dem es um Fragen wie «Wann darf ich lügen?» geht, im tristen November um «Langeweile» und im Januar um «Was ist Glück?». Nach der Debatte kreist der Klingelbeutel. 
Melchers ist kein Therapeut, das sagt er jedem. «Heilen kann ich nicht.» Er lehnt weitere Gespräche ab, «wenn das Problem ins Pathologische geht», der Kunde wirr redet oder be-denklich aggressiv zu sein scheint. «Einsichtsfähig muss der Mensch zum Philosophieren schon sein», sagt der Bonner Philosoph. Die Befürchtung, dass die Menschen plötzlich keine Probleme mehr bei sich erkennen, hat er nicht. «Die zunehmende Vereinzelung setzt viele unter wachsenden Druck», sagt Melchers. Weder Esoterik noch immer neue Psychotherapien würden aber helfen; die Psychoanalyse verlängere gar die Unmündigkeit des Menschen, da sie ihn in der Opferrolle belasse. «Die Menschen werden lernen, dass sie auf ihren Verstand zurückgreifen sollten und auch dauerhaft können», sagt Melchers zuversichtlich. Sein Wort in Gottes Ohr - oder in Platos, wenn es denn hilft. 
Zu viel Psychologisieren und zu wenig Philo-sophie im Alltagsleben kritisiert auch Gerd Achenbach. Er führt eine philosophischen Praxis in Bergisch-Gladbach bei Köln, das theoretische Fundament dazu hat er bereits 1981 gelegt. Mittlerweile sind etwa 50 Praxen nach seinem Vorbild in Deutschland am Werk. Für Menschen der westlichen Welt, die auffallend oft und schmerzlich unter Einsamkeit leiden und schon deshalb zum Psychologen rennen, hat der promovierte Philosoph überraschende Gedanken parat: Der so gepriesene Individualismus sei «mit der Irritation von Orientierung» erkauft worden. Hier helfe die Philosophie, da sie Gehalte des Lebens schaffe, die nicht um jeden Preis «von anderen bestätigt» werden müssen. «Einsamkeit wird erträglich, je mehr ich mir meiner Sache sicher bin. Philosophie ist Kultivierung der Einsamkeitsfähigkeit», sagt Achenbach. Auch Tod und Alter sind häufige Themen in seiner Praxis. «Zu mir kommen Menschen, die über den Tod sprechen wollen, aber mit Gottes Bodenpersonal irreparabel ent-zweit sind», berichtet er. «Die trauen Priestern kein neutrales Urteil zu.»  Bei Einzelgesprächen, Vorträgen und philosophischen Abenden in seiner Praxis erklärt der Lebensberater seinen Kunden immer wieder, dass sie nicht etwa deshalb litten, weil sie psychisch unzulänglich seien. «Die meisten Probleme handeln sich Menschen nicht durch seelische Defekte ein, sondern durch Hoffnungen, Erwartungen, Ansichten», sagt Achenbach. 

Zweischneidige Sache

Ein «gelingendes Leben» steht wie schon in der Antike im Zentrum beratender Philosophen. Laut Gerd Achenbach seien viele Kunden auf die «die falsche Lebensbahn geraten». Auffäl-lig sei dies gerade bei Medizinern, «wo der Sohn Arzt geworden ist, weil Großvater und Vater das auch waren». Jetzt steckten die Doktoren «kreuzunglücklich in ihrem Beruf fest» und wüssten nicht mehr ein noch aus. Manchmal muss Achenbach den Verzweifelten «nur» dabei helfen zu erkennen, dass sie sich nicht länger um eine Entscheidung drücken können, die vie-les in ihrem Leben umstürzen wird. Dabei müssen sie erst einmal Mut fassen - so wie der hochspezialisierte Ingenieur, der sich nach glücklosen Berufsjahren deprimiert und selbst-mordgefährdet entschloss, umzusatteln und Stuckateur zu werden. 

Firmen mit Spinnerecken 

Allerhand Sympathie für Philosophen als Lebensberater hegt der Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie, der Stuttgarter Philosophie-Professor Christoph Hubig. Zugleich hält er ihr Wirken für eine «zweischneidige Sache». Denn schon Aristoteles habe das öffentliche Gespräch dem individuellen vorgezogen. Hubig drängt auf einen «Abgleich unterschiedlicher Meinungen und Werte», und der sei im Zwiegespräch kaum möglich. Es gelte die Regel: «Je öffentlicher, desto philosophischer.» Jungen Philosophen, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen, schlägt Hubig aber lieber ein solides Kombinations-Studium vor. Die Absolventen seines Lehrstuhls für Wissenschaftstheorie, Technik- und Kulturphilo-sophie etwa würden ihm «aus den Händen gerissen». Viele Unternehmen leisteten sich inzwi-schen nämlich «Spinnerecken» für Philosophen. Stabsabteilungen wie «Technik und Gesellschaft» oder «Technik und Philosophie» seien keine Seltenheit mehr in großen Firmen. Erfor-derlich sei jedoch ein zweites fachliches Standbein, etwa als Jurist oder Bankkauffrau, damit die Philosophen nicht «freischwebend die Bodenhaftung verlieren.»  Walter Schmidt
      © Sinn auf Rädern/BelKom