Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Sinn auf Rädern, General-Anzeiger Bonn vom 1.-2. September 2001
Markus Melchers arbeitet in der ambulanten Philosophie. Im Notfall schwingt er sich sofort auf sein Fahrrad, um anderen   Menschen zu helfen – bei existenziellen Fragen oder einfach nur bei Liebeskummer. Die Frau war schon bei einem Seelsorger gewesen und bei einem Psychologen. Doch der Antwort auf die Frage, die sie seit Wochen quälte, war sie nicht näher gekommen: Muss ich das Versprechen, das ich meiner Mutter am Sterbebett  gab, tatsächlich halten – auch wenn mir dies aus verschiedenen Gründen unmöglich ist? Der Seelsorger hatte auf das vierte Gebot verwiesen: Du sollst Vater und Mutter ehren. Der Psychologe hörte sich das Problem an und hakte sofort nach: Steckte hinter der Angelegenheit nicht ein tiefer Mutter-Tochter-Konflikt, der – in zahlreichen Sitzungen – aufgearbeitet werden wollte?   Dann erfuhr die Frau von Markus Melchers und seinem philosophischen Service – und fühlte sich das erste Mal ernst   genommen. "Ich stellte eine einfache Frage", erinnert sich der 38-jährige Bonner. "Wer verpflichtet Sie?" Und genau   diese Frage schien bei der Frau einen Knoten zu lösen. Sie gewann einen anderen Blick auf die Situation und fand einen   Ausweg aus dem Dilemma. 
75 Prozent seiner Kunden sind Frauen, erzählt Melchers, der sich gerne per Fahrrad zu seinen "Gastgebern" aufmacht   und sein Unternehmen deshalb "Sinn auf Rädern" nennt. "Und 100 Prozent wollen rationale Antworten. Ich bekomme   schon mal zu hören: 'Fühlen Sie sich um Gottes Willen nicht in mich hinein!'" Die Menschen, die Melchers konsultieren,  wollen – erst einmal – nicht über Gefühle sprechen. Sie suchen praktische Orientierung in einer Welt, die immer   unübersichtlicher erscheint und in der kaum mehr etwas sicher erscheint.
"Die meisten Gastgeber suchen nach einer einzigen Antwort, oft zu Fragen um Liebe, Tod, Leben", erzählt Melchers und schickt einen ernsthaften Blick durch seine runde Brille. "Ich schockiere sie erst einmal, wenn ich mehrere biete. Aber   genau darum geht es heutzutage: Pluralität aushalten, sie nicht als Bedrohung empfinden, sondern die eigene   Urteilskraft schulen. Freiheit aushalten eben." Dabei helfen die Fragen, die Melchers seinen Gastgebern stellt. "Wenn einer sagt, mein Leben ist verpfuscht, dann sage ich nicht sofort, dann packe ich jetzt mal den Aristoteles aus, sondern versuche eine Begriffsklärung: Was heißt verpfuscht? Denn die Vorstellung, die wir von etwas haben, bestimmt unser Leben, unser Handeln." 
Wichtig ist dem praktischen Philosophen dabei eines: "Ich vertraue dem Denken meiner Gesprächspartner, schulmeistere  nicht." Die Folge: "Die Menschen können angstfrei mit mir sprechen. Viele, die bereits eine Therapie hinter sich haben,   sagen: Bei Ihnen fühle ich mich so frei."  Dazu trägt die Ausgangslage für jedes Gespräch bei, auf die Melchers viel Wert legt: "Der Klient und ich sind gleichberechtigt. Um das zu unterstützen, empfange ich ihn nicht in einer Praxis, sondern treffe ihn an einem Ort seiner Wahl, überlasse ihm die Position des Gastgebers." Wenn alles gut geht, ist der Gastgeber am Ende zufrieden getreu dem Motto von Melchers: "Es geht nicht darum, Wissen zu vermitteln, es geht darum, sich selbst begründen zu lernen." 
Die Idee ist nicht neu. Gerd Achenbach machte den Anfang und gründete in den achtziger Jahren in Bergisch Gladbach   eine "Philosophische Praxis", inzwischen gibt es in Deutschland rund 50 praktizierende Philosophen. Auch wenn   Achenbach, anders als Melchers, seine Klienten in den eigenen Räumen empfängt, in einem klingen die beiden ganz   ähnlich: "Die meisten Probleme handeln sich Menschen nicht durch seelische Defekte ein, sondern durch Hoffnungen,   Erwartungen, Ansichten", sagt Achenbach. "Die Ehe etwa ist nicht in der Krise, weil die Menschen seelische Mängel   hätten, sondern weil wir von der Ehe so denken, wie wir von ihr denken." Allerdings gibt es auch Fälle, in denen   Achenbach an einen Therapeuten verweist. Wenn er glaubt, dort sei das Problem besser aufgehoben.
Heerscharen von Philosophiestudenten, die noch nicht genau wissen, was sie mit ihrer Ausbildung anfangen sollen,   haben jetzt allerdings nicht etwa Grund zum Jubeln. "Ja, knapp", antwortet Melchers, der Philosophie, Vergleichende   Religionswissenschaften und Geschichte studiert hat, auf die Frage, ob er von "Sinn auf Rädern" leben kann. Das Honorar für eine Beratung ist frei verhandelbar, sagt er, Untergrenze 90 Mark. Dafür muss er sich manchmal auch einfach nur streiten. "Besonders Männer sind schon mal auf intellektuelles  Kräftemessen aus", erzählt er und schmunzelt. "Einmal wurde ich nur gebucht, um über Nietzsche zu diskutieren." Für  Melchers eine der einfacheren Übungen. Zögerlicher kommt die Antwort da schon auf eine Frage, die einen Philosophen eigentlich nicht überraschen sollte.
Was ist der Sinn des Lebens? Um Melchers' Mundwinkel zuckt ein Lächeln. "Diese Frage aufrecht zu erhalten."   Annette Claus  
      © Sinn auf Rädern/BelKom