Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 20.07.2019
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Verliebt in die Weisheit; General-Anzeiger Bonn vom 22.10.2002
JUBILÄUM Der Bonner Philosoph Markus Melchers lud zum 50. "Philosophischen Café" ins Kultur-Bistro Pauke. Jeden Monat kommen Menschen, um über Sinn und Sein zu diskutieren
WESTSTADT. Philosophie heißt "Liebe zur Weisheit". Und Markus Melchers ist verliebt. Sehr sogar. Das merkt man schnell, wenn er von den Ansichten anderer kluger Denker erzählt. Seinen Vater löcherte er früher mit Fragen danach, warum die Dinge so seien, wie sie sind. "Da hat er mir empfohlen, in unserem 22-bändigen Geschichtslexikon nachzuschlagen", sagt Melchers und schmunzelt. "Ich hab's zweimal durchgelesen." Mit etwa 15 Jahren stand für ihn fest: "Ich werde Philosoph." Der heute 39-jährige Melchers ist einer, dem man gerne zuhört, weil er vom Schwierigem einfach spricht und dabei seine Augen freundlich durch die runden Brillengläser blicken. Da fallen zwar schon mal Sätze wie "Die Sinnfrage ist kein Symp~tom, das man heilen muss" oder "Es gibt kein moralisches Universum, sondern ein Multiversum, eine Vielheit der Perspektive". Aber gleich danach kann man sicher sein, dass Melchers erläutert, was er mit diesen Aussagen meint. Weil der Magister Artium der Philosophie, der Vergleichenden Religionswissenschaft und der Neueren Geschichte sich nicht nur allein Gedanken machen, sondern auch mit anderen diskutieren wollte, griff er die Idee des "Philosophischen Cafés" auf, das zurückgeht auf den französischen Philosophen Marc Sautet.
Nicht nur in der Uni wollte er Thesen beleuchten, sondern in größerem Kreis in der Öffentlichkeit, am besten in einem Restaurant. 1998 suchte Melchers nach einer geeigneten Lokalität, stieß aber anfangs auf Ablehnung. "Dann gaben mir Freunde den Tipp, mit dem Geschäftsführer des Kultur-Bistros Pauke an der Endenicher Straße zu reden", erinnert sich Melchers. Er stellte Karl Heinz Bitzer das Konzept vor und vereinbarte zunächst drei "Philosophische Cafés" zur Probe. Die bange Frage, ob überhaupt jemand kommen werde, um mit ihm zu philosophieren, war unbegründet: Es kamen 53 Besucher. Und es blieb auch nicht bei den drei Probeterminen: In diesem Monat lud Melchers zum 50. Mal ein und beleuchtete die Frage "Was ist der Mensch?" Es kamen mehr, als in die Räume der Pauke passten.
Der Ablauf der monatlichen "Cafés" folgt einem festen Ritual. Es gibt für jedes Treffen ein neues Thema. Das legt Melchers meistens schon mehrere Wochen im Voraus fest. Dazu zählten bisher unter anderem Fragen zu Macht, Freundschaft, Tod und Trauer. Zum Auftakt trägt Melchers zwei "seriöse Zitate" vor, beim Thema Liebe waren es Aussprüche von Aristoteles und Hegel. "Das dritte Zitat ist eher unseriös, drastisch oder pointiert formuliert wie in der     Werbung", sagt Melchers. "Wähle 0190... dein direkter Draht zu Glück und Liebe", hieß es da zum Beispiel. Diese Appetithappen führen zu einer regen Diskussion, die Melchers moderiert. Nach einer Stunde fasst er die Beiträge zu Thesen für eine zweite Runde zusammen. Zu guter Letzt verliest Melchers - nach zwei Stunden ohne Pause - ein Zitat, dass dem Diskussionsverlauf am besten entspricht, und verteilt eine Literaturliste. Das Publikum ist gemischt, Bildung und sozialer Status sind verschieden. "Beim Thema »Ich arbeite, also bin ich« kamen sowohl ein Professor als auch ein    Arbeitsloser", so Melchers.
Er habe ausgerechnet, dass "im Schnitt 35,16" Leute kommen, acht bis elf regelmäßig, insgesamt seien es bislang mehr als 1 700 im Alter von 30 bis 70 Jahren gewesen. Er selbst bereite sich zwar auf seine Themen vor, "um ein bestimmtes Niveau zu erreichen". Wenn seine Gäste das tun, mag er das nicht so sehr. Das nehme die Spontanität. "Wir wollen kein Referat hören. Es muss niemand Angst haben: Jeder kann das Zuhören einfordern und seine Gedanken einbringen." Wenn jemand in einen allzu langen Monolog verfalle, werde er höflich ausgebremst: "Lange Rede, kurzer Sinn." Die Gefahr der Schwätzerei bestehe immer. Philosophieren bedeute zwar Anstrengung, wenngleich Lachen und Scherzen durchaus erlaubt seien.
"Wichtig sind höfliche Umgangsformen und die offene Konfrontation", sagt Melchers. Störer seien bisher nie aufgetaucht. Bisweilen passiert es, dass selbst Philosophen keine Antwort finden. Aber auch dafür ist Melchers gewappnet: "Es gibt keine eindeutigen Antworten auf vieldeutige Fragen", entgegnet er dann. Und lächelt.
Michael Milewski          
      © Sinn auf Rädern/BelKom