Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 19.11.2017
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Vom Abenteuer des Denkens; DIE WELT vom 12. Juli 2003.
Angewandte Philosphie liegt im Trend. Der ambulante Philosoph Markus Melchers erklärt die Welt von heute mit Hilfe großer Männer von gestern. Von Roland Mischke    

Bei existentiellen Notfällen leistet Markus Melchers vor Ort erste Gesprächshilfe. Manchmal wird daraus eine Gesprächsserie, das Honorar ist frei verhandelbar, Untergrenze 50 Euro. Der 40-jährige Bonner, der Philosophie und  Geschichte studiert hat, betreibt "philosophische Lebensberatung". Mit Klienten geht er am Rheinufer spazieren, streift über Friedhöfe, sitzt auf Parkbänken. Cafés dagegn meidet der Philosoph. "Wenn es zur Sache geht, stören Zuhörer am Nebentisch", sagt Melchers.

Die lebenslustige Kölnerin Sabne Naters hatte sich als Verwaltungsbeamtin den Mobbing-Attacken ihres Chefs jahrelang  widersetzt. Nun war sie müde, zermürbt. Erst ging sie zum Psychologen, dann zum geistlichen Seelsorger. Hilfe fand die  42-Jährige dort nicht. "Ich hörte Standartantworten", erinnert sie sich. "Aber ich suchte Denkanstöße, Entscheidungshilfen." Dann hörte sie von Markus Melchers, rief an, man ging spazieren. Nach fünf abgelaufenen "Sitzungen" hatte sie Durchblick, katapultierte sich aus ihrer Beamtenlaufbahn und ist mittlerweile für die Öffentlichkeitsarbeit einer Privatbank zuständig. "Die Gespräche fanden in einer für mich entscheidenden Lebensphase statt, sie waren lösungsorientiert, aber es war nichts vorgegeben. In meinem Philosophen hatte ich einen vorzüglichen Zuhörer und klugen Stichwortgeber. Starke Gedanken können das Leben verändern wie große Gefühle."   

Markus Melchers empfindet face-to-face-Gespräche am besten, doch seit einiger Zeit gehört auch telefonische Beratung zu seinen Leistungen. "Anfangs war ich skeptisch", sagt er. "Aber die Telefonate sind so dicht, sie finden unabgelenkt statt und die Anonymität hat für manchen Klienten den Vorteil, das sie freier sprechen können." Fasziniert nimmt der Philosoph und Buchautor ("Vom Wert der Wertedebatte", Herder, 144 S., 9,90 Euro) zur Kenntnis, dass er in  letzter Zeit Einladungen von Bildungswerken beider großen christlichen Konfessionen erhält. Auch Banken und  Unternehmen bitten ihn zu ethischen Debatten mit der gesamten Belegschaft bis hinauf zur Führungsspitze in ihre Häuser.

Wegen der großen Nachfrage hält Melchers neuerdings auch "Philosophische Dinner" ab. "Es gibt keinen günstigen Wind für denjenigen., der nicht weiß, wohin er segelt", zitiert Markus Melchers den römischen Philosophen Seneca. Er ist bemüht, seine Gesprächspartner in ruhiges Fahrwasser zu bringen. "Philosophieren heißt, eine bestimmte Haltung zur Welt einzunehmen", erklärt der Vor-Denker. Seine fliegende Ambulanz betreibt er bundesweit seit 1998. "Die Sinnfrage begegnet mir nur noch selten", so Melchers. Es geht darum, dass Menschen autonome Persönlichkeiten werden, nicht mehr fremdbestimmt gesteuert seien und auf Vorgedachtes zurückgreifen wollen. "Das ist das Problem der kirchlichen Seelsorge und der Psychologie. Sie haben oft keine Antworten für unsere Zeit."

Beziehungsgeräderte Singles sind immer noch dem Geheimnis der Liebe auf der Spur. Eltern wissen nicht, worauf sie ihren Nachwuchs vorbereiten sollen. Wache Zeitgenossen quälen sich an moralischen Fragen ab. Und Grauhaarige geht die Puste aus im schnellen Wandel der Werte und Moden. Wo gibt es Orientierung? Das Fernsehen hilft nicht weiter, der Nachbar ist genauso ratlos, die Politik murkst herum. "Der Philosoph wird wieder gebraucht", stellt Melchers klar.

Melchers Klienten sind zwischen 30 und 70 Jahre alt, 75 Prozent sind weiblich. "Frauen bohren nach, umgetrieben von existenziellen Erkenntnis. Männer begegnen mir anfangs oft mit einer intellektuellen Attitüde und betreiben Philosophie wie Fitnesstraining." Die meisten befinden sich an einer biografischen Schnittstelle. "Es ist meine Aufgabe, nicht zuzulassen, dass sie dort stehen bleiben. Das philosophische Gespräch soll darin gipfeln, einen Zugewinn an Freiheit zu erfahren."     

Wie sieht das in der Praxis aus? "Ich kann keine konkreten Tipps geben, nur Perspektiven aufzeigen. Ich begegne meinen Gastgebern gleichberechtigt, wir diskutieren, die beste arbeiten wir gemeinsam aus." Der Philosoph besteht darauf, hakt nach. 

Kann man aus der Philosophie einen ganz praktischen Nutzwert ziehen? Der Königsberger Großdenker Immanuel Kant regte an, immer neu die vier Grundfragen der menschlichen Existenz zu reflektieren: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Wer diese Fragen reflektiert, gleitet hinüber ins Abenteuer des Denkens. "Der Mensch will mit seinen Gedanken ernstgenommen werden", gibt Melchers eine Grunderkenntnis preis.

Philosophieren heißt, frei durch den eigenen Kopf schwirrende Überlegungen mit einem anderen zu erörtern. Das kann unerhörten Spaß machen, ist aber auch anstrengend. Nichts anderes haben die großen Philosophen getan. Wie einst Sokrates versteht sich auch Melchers als Geburtshelfer beim Denken. "Ich helfe den Gedanken meiner Auftraggeber ans Licht. Jeder Begriff muss erst einmal genau auf seine Bedeutung hin abgeklopft werden. Was meint Liebe? Zuneigung, Eros, Sex?" Der Vorteil der Philosophie gegenüber anderen Herangehensweisen ist ihr universaler Anspruch, der umfassende Blick, nicht der spezielle aus einer Einzeldisziplin. "Beim Philosophieren verschmelzen verschieden Perspektiven immer mehr zu einem Gesamtbild", so Markus Melchers.           
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