Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Zu Sokrates auf die Couch, Berliner Morgenpost vom 01.04.2001
Früher ging man mit Problemen zum Psychiater - heute bieten Philosophen ihre Dienste als Therapeuten an
Von Stefanie Bachmann  
Sokrates gegen die Mühsal des Lebens: Wer einen Philosophen aufsucht, will häufig seine Werte im Gespräch prüfen oder neue Perspektiven finden. 
Der Mann quälte sich monatelang mit der Frage herum, ob er mit seiner Freundin zusammenbleiben könne. Seine Vorstellung einer idealen Beziehung war von katholisch-religiösen Werte und der Literatur geprägt. Heiraten wollte er. Seine Freundin allerdings war geschieden und Mutter eines Kindes. Dies vertrug sich nicht mit den Idealen des Enddreißigers. «Kann ich die Frau verlassen, obwohl ich sie liebe?»,  fragte sich der Mann. 
Zeit für eine philosphische Einzelberatung bei Uwe Nitsch. «Wir haben in einer Sitzung über seine Ansprüche geredet und was Familie,  Religion, Kinder und eine Scheidung für ihn bedeuten», erläutert der Philosoph vom Berliner Netz sokratischer Berater, das Gruppen und Einzelpersonen bei Lebensfragen und Problemen begleiten will. Danach hörte er länger nichts von seinem Besucher. Bis dieser sich getrennt hatte und erneut das Gespräch suchte: «Dann wurde die Trennung im philosophischen Gespräch noch einmal hinterfragt, er wollte die Verletzungen, die er einem anderen Menschen zugefügt hatte, im Gespräch rechtfertigen und ist dabei auch mit sich selbst hart ins Gericht gegangen.»      
Die Frau war Anfang dreißig und wollte sich mit einer Bekannten selbstständig machen. Doch immer wenn die beiden ihr Projekt diskutierten, wurden die Gespräche emotional. Zur definitiven Projektplanung und Festlegung der Stellung beider im künftigen Unternehmen kam es nie, stattdessen wurde um Positionen und Gehälter gefeilscht. Uwe Nitsch deckte in einer philosophischen Einzelberatung die Interessenlage seiner Mandantin auf und ermutigte sie, dies in Gesprächen auch mit ihrer Verhandlungspartnerin zu tun, bis beide ihre Wünsche und Forderungen offen «auf den Tisch legten». Dieses «Spiel mit offenen Karten» machte es den Frauen schließlich möglich, ihre Vorstellungen miteinander zu kombinieren und das gemeinsame Firmenprojekt voranzutreiben. Vor allem das Erkennen der eigenen Bedürfnisse und das Erlernen von Gesprächstechniken habe ihr geholfen, konstruktive Gespräche zu führen und Lösungen zu finden, resümierte die Frau später. Solche Gespräche sind für Nitsch keine Seltenheit mehr. Der 37-Jährige gründete mit den zwei befreundeten Philosophen Jens Peter Brune und Dr. Horst Gronke vor vier Jahren das Berliner Netz sokratischer Berater, das Gruppen und Einzelpersonen bei Lebensfragen und -problemen begleiten will. «Grundlage unseres Beistandes ist die sokratische Methode, Denk- und Diskussionsprozesse beim Einzelnen und in Gruppen zu moderieren und zu begleiten», erläutert Nitschs Partner Gronke, der hauptberuflich als Dozent am Lehrstuhl für Philosophie der FU-Berlin arbeitet.  Gronke und Nitsch sind nicht die einzigen, die eine Renaissance der Philosophie erkannt und vorangetrieben haben. «Doktor Platon gibt  Rat» heißt es mittlerweile symbolisch in etwa 50 philosophischen Praxen in ganz Deutschland. Der Mensch der Moderne hat die Philosophen als Therapeutenersatz entdeckt und hofft auf Lebenshilfe durch Kant & Co.  
Anlass für den Besuch beim «Lebensberater Philosoph» sind häufig Alltagsprobleme wie Ehekrisen, Probleme mit der Familie oder am Arbeitsplatz, gesundheitliche Schwierigkeiten oder Entscheidungen, die anstehen. Oftmals ging dem Besuch beim Philosophen die Konsultation eines Psychologen oder Seelsorgers voran, brachte aber nicht den gewünschten Erfolg.              
«Meine Klienten haben sich oft daran gestört, dass Psychologen stets versuchen, etwas Krankhaftes ausfindig zu machen oder alles Tun auf Erlebnisse in der Kindheit zurückzuführen», sagt Christiane Pohl, die in Hamburg eine Philosophische Praxis betreibt. Das beklagte vor gut zwanzig Jahren schon der Psychologe und Philosoph Gerd Achenbach, der daraufhin das Konzept der «philosophischen Praxis» erfand und in Bergisch Gladbach bei Köln philosophische Einzelberatung als Dienstleistung anbot. «Durch die Beschäftigung mit der Philosophie lassen sich persönliche Probleme entpersonalisieren und abstrahieren», meint Achenbach. So könne etwa ein Mobbing-Opfer im Gespräch erkennen, dass seine Schwierigkeiten am Arbeitsplatz nicht von Antipathien herrührten, sondern Teil eines innerbetrieblichen Machtkampfes sind. Psychisch tatsächlich erkrankte Menschen behandelt der Gladbacher, ebenso wie seine Kollegen, jedoch nicht, sie werden an Ärzte oder Therapeuten verwiesen.  Achenbachs Honorare liegen zwischen 80 und 150 Mark pro Stunde. Innerhalb dieser Spanne dürfen sich die Gäste einen Tarif aussuchen.  Manchen reicht eine einzige Sitzung, um im Dialog neue Denkansätze zur Bewältigung ihrer eigenen Krise zu entwickeln. Andere suchen den Philosophen Woche für Woche regelmäßig auf.
Besonders erfolgreich ist das auf Achenbach zurückgehende Konzept der philosophischen Praxis mittlerweile in den USA. Dort verschwimmen die Grenzen zwischen philosophischer Praxis und Psychotherapie. In Kalifornien und New York sind immer mehr Amerikaner bereit, 100 Dollar in eine Beratungsstunde zu investieren, berichtete die New York Times. Die meisten seien «Therapie-Flüchtlinge».
Diese Erfahrung hat Markus Melchers nicht gemacht. Der 38-Jährige Rheinländer bietet seit 1998 in Bonn und Umgebung «Sinn auf Rädern» an. Der Service heißt so, weil Melchers seine Kunden mit Fahrrad, Bahn oder Straßenbahn zu Hause aufsucht oder mit ihnen spazieren geht. Der Philosoph, der sich als Gedankencoach versteht, hat die Erfahrung gemacht, dass die Beziehung zwischen Berater und Klient leicht in ein Lehrer-Schüler- oder Arzt-Patienten-Verhältnis kippt, wenn die Gesprächspartner in eine Praxis bestellt werden.                                         Dabei sind acht von zehn Fragen, die im Gespräch behandelt werden, Lebensberatung: «Immer häufiger kommen Menschen, die sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, ihre Werte im Gespräch prüfen oder neue finden wollen oder andere Perspektiven suchen», so Melchers. «Für viele Menschen ist es ein großer Trost, dass schon einmal jemand so gedacht hat, wie sie», sagt der Philosoph, dessen Beratung ab 80 Mark pro Stunde kostet.
Offenheit im Gespräch, Neugierde und Gleichberechtigung der Gesprächspartner setzt er in seiner Arbeit voraus: «Wenn keine Einsichtsfähigkeit da ist, ist das ein intellektueller Ärger für mich, schlimmstenfalls lehne ich weitere Gespräche ab», sagt er.
Eine kostengünstigere Alternative zu den Einzelgesprächen bieten die philosophischen Gesprächskreise. In Berlin etwa veranstaltet Lutz von Werder, Pädagogikprofessor an der Alice-Salomon-Fachhochschule, alle vierzehn Tage im Literaturhaus eine philosophische Gesprächsrunde. Im getäfelten Kaminzimmer diskutieren 30 bis 100 Menschen über verschiedenste Themen, von der «Metaphysik des Todes» bis zu «Ich-Du-Beziehungen im Alltag».
Dass Philosophen keine lustfeindlichen Asketen sind, beweist auch das Berliner Netz sokratischer Berater: Einmal monatlich organisiert es ein «philosophisches Dinner» in einem Berliner Restaurant. Während eines Vier-Gänge-Menüs diskutieren maximal 15 Teilnehmer philosophische Fragen, der ganze Spaß kostet 100 Mark. Sogar Alkohol ist erlaubt: Damit das Diskussionsniveau nicht leidet, wird der Wein allerdings auf zwei Gläser pro Kopf limitiert              
      © Sinn auf Rädern/BelKom