Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 23.04.2019
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Zum Nutzen der Bulgaristik. Bulgarien-Jahrbuch 20002001; Marburg
»Non scholae sed vitae discimus« [1]
von Peter Müller

Am 12.02.1999 fand in Berlin eine Podiumsdiskussion der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft e.V. zur Situation der Bulgaristik in Deutschland statt, die sich neben einer Bestandsaufnahme der aktuellen Probleme auch mit Lösungsansätzen für die Zukunft beschäftigte. Aus den Beiträgen der TeilnehmerInnen wurde m.E. eines besonders deutlich: die Bulgaristik befindet sich in Deutschland angesichts leerer öffentlicher Kassen kombiniert mit mangelnder Einsicht der politischen Entscheidungsträger über den Nutzen einer bulgaristischen Ausbildung an einem Scheideweg mit zwei Handlungsalternativen:

1. Die deutsche Bulgaristik wehrt sich gegen diese unerträgliche Situation mit geisteswissenschaftlichen Argumenten, riskiert damit allerdings, trotz großer Tradition vor dem endgültigen Aus zu stehen.

2. Der Nutzen der Bulgaristik wird in den Mittelpunkt gestellt, indem im Sinne eines Kultur-Marketing »kundenorientiert« argumentiert wird. Das bedeutet beispielsweise, folgende Fragen zu stellen und zu beantworten: Was bringt die Bulgaristik für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft? Welche Jobs können ausgebildete BulgaristInnen außerhalb von Hochschulen übernehmen? Welches vermarktungsfähige Image sichert die Zukunft der Bulgaristik?

An den Beginn meiner Betrachtungen stelle ich die These, dass die finanziellen Freiräume für die universitäre Bulgaristik mit dem wahrgenommenen Nutzen des Faches  für den außeruniversitären Bereich wieder zunehmen werden. Auch bei den Naturwissenschaften, z. B. der Gen-Forschung, ist zu beobachten, dass Investitionen in die Grundlagenforschung durch die Möglichkeit des technologischen Einsatzes der Forschungsergebnisse motiviert werden.

Man könnte negativ kritisieren, dass sich die Bulgaristik mit einer solchen Vorgehensweise den Prinzipien der Marktwirtschaft unterwirft und ihre vermeintliche Wertneutralität aufgibt. Darauf möchte ich antworten: es wird nie eine wissenschaftliche Disziplin geben, die - bei aller Distanz - unabhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen sozusagen im »luftleeren Raum« arbeitet. Und niemand, der die Entwicklungen in »unserer Welt« aufmerksam verfolgt, wird bestreiten, dass die sogenannte Globalisierung in den meisten Lebensbereichen immer mehr dazu zwingt, mit kundenorientierten Produkten, Lösungen bzw. Argumenten um begrenzte Ressourcen zu konkurrieren.

Folgende Beispiele können die bisherigen Ausführungen unterstützen: »Markus Melchers ist Kurier. Wenn bei ihm in Bonn das Telefon klingelt, will der Anrufer allerdings nicht Pizza bestellen, sondern geistiges Futter. Ein Elternpaar möchte wissen, welche Werte es seinen Kindern vermitteln, ein anderes, ob es ein Kind taufen soll. Oder eine Akademikerin fragt sich, ob zwei Staaten einander moralisch genauso verpflichtet sind wie zwei Menschen. Wenn Melchers glaubt, er könne helfen, schwingt er sich auf sein Rad und besucht den Kunden zu Hause.«[2]

Melchers, der als ausgebildeter Philosoph seit Anfang 1998 »Sinn auf Rädern« anbietet, vermisst den Bezug der Philosophie zum »richtigen Leben«, den in der Antike Philosophen wie Aristoteles in ihren öffentlichen Debatten »routiniert hergestellt haben«: »Philosophen reflektieren gern über das, was schon vor tausend Jahren gedacht worden ist, brechen es aber nicht auf unsere Zeit herunter.«[3]

Ein weiterer Vertreter von Melchers' Zunft, der promovierte Philosoph Gerd Achenbach, betreibt seit 1981 in Bergisch-Gladbach eine »Philosophische Beratungspraxis« und verdient pro Kundensitzung zwischen 80 und 160 DM[4] - nicht schlecht für eine entspannte Existenz außerhalb des »Elfenbeinturms« der Wissenschaft: bei durchschnittlich 100 DM pro Stunde macht das bei einem 8-Stunden-Tag mit 5-Tage-Woche immerhin 16.000 DM im Monat.

Auf die Bulgaristik (und andere Philologien) angewandt, verdeutlichen die genannten Praxisbeispiele m.E. die Notwendigkeit, dass auch in diesem Bereich endlich ein breit angelegtes »Herunterbrechen« auf unsere Zeit stattfinden muss - schon allein, um den jungen Menschen, die sich mit Bulgaristik beschäftigen, berufliche Perspektiven außerhalb der Universität aufzeigen zu können.

»Bulgarien« bedeutet nicht nur l'art pour l'art à la Umberto Ecos »Der Name der Rose«, also: Altkirchenslavisch, Paläographie, Linguistik, Literaturwissenschaft, Bibliographie etc.. Bulgarien ist ein realexistierendes Land in Europa mit lebendigen Menschen. Und Bulgaristik sollte nicht vorwiegend als Berufsausbildung für Wissenschaftler, sondern viel mehr als akademische Vorbereitung auf Lebensgestaltung, und dabei v.a. Berufsbewältigung, verstanden werden, die das ständige Fragen nach dem »Wozu« in den Mittelpunkt stellt.

Auch wenn in Bulgarien die Investitionen ausländischer Unternehmen noch nicht boomen, bin ich dennoch sicher, dass Bulgarien in den nächsten Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht kein weißer Fleck bleiben wird. Dann benötigen Unternehmen Kultur-Spezialisten, die die Mentalität und die Sprache des Landes kennen. Der US-Amerikanische Ökonom Morello hält es z. B. für wichtig, dass erfolgreiche Marketing-Konzepte von Unternehmen im Auslandsgeschäft mit dem »system of metaphorical references« des jeweiligen Ziellandes übereinstimmen.[5] Sein Kollege Nevett geht noch einen Schritt weiter: »Historians have to fit together the various items of evidence so that they form a coherent whole, rather in the manner of a jigsaw puzzle, in which every piece must be fitted into position to complete the picture. ..., it is tempting to speculate that some celebrated marketing fiascoes might have been avoided if the decision makers concerned had acted according to the rigorous dictates of historical method.«[6] Die Arbeit für Philologen und Historiker wird auch außerhalb der Hochschulen nicht ausgehen!

Festzuhalten bleibt: Die Mentalität der Menschen eines Landes zu kennen, heißt die Geschichte des Landes zu kennen. Dieses Ziel ist nicht allein mit sprachpraktischer Ausbildung zu erreichen, sondern im Falle Bulgariens originäre Aufgabe der wissenschaftlichen, auf unsere Zeit »heruntergebrochenen« Disziplin »Bulgaristik«, die ihre praxisrelevanten Potenziale aktiv vermarkten muss. Das Bulgaricum an der Universität des Saarlandes war ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Im Zusammenhang der »Selbstvermarktung« spielt das eigene Image eine entscheidende Rolle. Die Marketing-Praxis beweist täglich die Binsenweisheit, dass die Wahrnehmung der Kunden für den Erfolg eines Unternehmens wesentlich mitentscheidend ist. Der US-Amerikanische Soziologe Erving Goffman formuliert das mit Blick auf das Individuum so: »In unserer Gesellschaft werden die Rolle, die man spielt, und das Selbst, das man ist, in einer gewissen Weise gleichgesetzt... Eine richtig inszenierte und gespielte Szene veranlaßt das Publikum, der dargestellten Rolle ein Selbst zuzuschreiben, aber dieses zugeschriebene Selbst ist ein Produkt einer erfolgreichen Szene, und nicht ihre Ursache.«[7] Was für Unternehmen und Einzelpersonen gilt, lässt sich bestimmt auch auf das kollektive Auftreten, die Rolle der Bulgaristik übertragen.

Fordern ist eine Seite, Machen die andere und wichtigere. Der folgende Katalog mag eine spontane Orientierung bieten:
 

 * BulgaristInnen an den Universitäten sollten sich intensiv um Dritt-Mittel von Unternehmen bemühen, die in Bulgarien wirtschaftlich aktiv sind. Dies gelingt nur über die Herstellung von persönlichen Beziehungen (bis hin zu strategischen Partnerschaften) und die Vermittlung von Kundennutzen für diese Unternehmen.
* Slavistische Institute könnten verstärkt für Vorträge an ihren Universitäten Referenten aus Unternehmen einladen, die in Bulgarien wirtschaftlich tätig sind. So kommt Kontakt zwischen Forschung/Lehre und Praxis zu Stande.
 * Studierende der Bulgaristik sollten sich aktiv um Praktika in der Wirtschaft bewerben. Die Unternehmen kommen allerdings nicht selbst auf die Studierenden zu. Hier helfen nur Eigeninitiative und die Bereitschaft zum »Sprung ins kalte Wasser«.
* Slavistische Verbände und Organisationen sollten über das öffentliche Image der von ihnen vertretenen Fächer nachdenken und anstatt lamentierender »Nabelschau« aktiv werden.
* Wir sollten als Deutsch-Bulgarische Gesellschaft den Kontakt zum Deutsch-Bulgarischen Forum ausbauen, mit diesem eine klare Aufgabenteilung abstimmen und unsere Veranstaltungen im Jahr 2000 in der öffentlichen Kommunikation (PR-Kampagne) nutzen.
* Die Bulgaristik muss offener für Innovation sein, für neue Themen aus dem heutigen Leben Bulgariens, ohne die Grundlagenforschung in traditionellen Bereichen zu vernachlässigen.[8]


Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater (6,9): »Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.« - Lasst uns aber nicht nur Gutes tun, sondern auch darüber reden! Vielleicht können die Beiträge zum Thema im Bulgarien-Jahrbuch 2000 (erscheint bei Biblion voraussichtlich im Winter 2000) eine Art »Management-Summary« oder »Manifest der Bulgaristik« für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft darstellen.
 


Anmerkungen

1. Nach Seneca ( 4 v. Chr. - 65 n. Chr.).
2. Schmidt, W.: Sinn auf Rädern. Philosophen bieten Orientierung im Alltag und verdienen so ihr Geld, in: DIE ZEIT, 04.11.1999, S. 81.
3. Vgl. Schmidt, W.: a.a.O., S. 81.
4. Vgl. Schmidt, W.: a.a.O., S. 81f.
5. Vgl. Morello, G.: The Hidden Dimensions of Marketing, in: Journal of the Market Research Society, 35 (1993), 1, S. 293-313, S. 299.
6. Nevett, T.: Historical Investigation and the Practice of Marketing, in: Journal of Marketing, 55 (1991), S. 13-23, S. 16.
7. Goffman, E.: The Presentation of the Self in Everyday Life, New York 1959, zitiert nach der deutschen Übersetzung: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München; Zürich 1983, S. 230f. Der Philologe und »Management-Guru« R. Greene fordert sogar (Gesetz Nr. 25): »Akzeptieren Sie nicht die Rolle, die die Gesellschaft Ihnen aufzwingt. Erschaffen Sie sich neu, indem Sie sich eine Identität zimmern, die Aufmerksamkeit erregt, die das Publikum nie langweilt. Bestimmen Sie Ihr Image selbst, statt andere es definieren zu lassen.«, Greene, R.: Power. Die 48 Gesetze der Macht, Stuttgart 1999, S. 11 und  S. 242-268.
8. Der Senior Vice President der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, B. v. Oetinger, stellt fest: »Das Neue lebt von den ‚Kunden'. Kundenbedürfnisse sind wichtige - wenn auch nicht die einzigen - Quellen des Neuen...«, in: v. Oetinger, B.: East is West and West is East, in: v. Pierer, H.; v. Oetinger, B. (ed.): Wie kommt das Neue in die Welt?, München; Wien 1997, S. 75-90, S. 80

(c) 2000 by Biblion Verlag, Marburg

Dr. Peter Müller ist Diplom-Kaufmann, Slavist und Soziologe. Er arbeitet als Projektmanager im Marketing der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG.
 
      © Sinn auf Rädern/BelKom