Leben und Denken reflektieren, interpretieren und diskutieren 22.09.2017
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Überlegt schenken ist klug, Interview mit dem Hamburger Abendblatt vom 11.-12.12.2004
Geschenke zu machen kostet Geld und erfordert Zeit und Mühe. Trotzdem ist nicht unbedingt immer gewährleistet, den Geschmack und die Interessen des Beschenkten auch sicher zu treffen. Deshalb taucht manchmal die Frage auf: Darf man ein Geschenk ablehnen?
"Natürlich", sagt der ambulante Philosoph Markus Melchers, der mit seiner Praxis "Sinn auf Rädern" bundesweit tätig ist, "denn der Schenkende ist moralisch gefordert, auch die Folgen seines Geschenkes zu bedenken." Schenkt also der Lieblingsonkel einen jungen Hund oder die technisch ahnungslose Großmutter einen Computer, der nur läuft, wenn alle drei Monate die Software auf neuesten Stand gebracht werden muß, hat sie nicht bedacht, daß das gut gemeinte Präsent den Beschenkten letztendlich auffressen kann - was eher den gegenteiligen Effekt des Freuens auslösen würde.
Es kommt auch vor, daß ein Geschenk einfach nur nicht gefällt und man es am liebsten loswerden will, weil es eine Belastung wäre. Die Konvention, unsere Klugheit und unser Taktgefühl sagen uns dann zwar, den Schenker nicht dadurch zu verletzen, daß wir seine Gabe zurückweisen, denn wir wollen freundlich miteinander sein. Unter Vernunftsaspekten jedoch sieht Melchers diese Haltung eher als schwach an: "Im Prinzip steht es jedem Menschen mit freiem Willen offen zu sagen: ,Nein danke, dieses Geschenk finde ich blöd. Der Schenkende verachtet mich letztendlich, weil ich es nicht brauchen kann.'" Das eröffnet auch die Möglichkeit, es umzutauschen: "Es gehört nun dem Beschenkten. Er darf darüber verfügen."  kny
 
Überlegt schenken ist klug
Geschenke können ihre Tücken haben. Was kommt immer gut, was wäre unsensibel, wie bedankt man sich? Interview mit dem Sinn-Berater und Philosophen Markus Melchers.

JOURNAL: Herr Melchers, warum beschenken sich Menschen?

MARKUS MELCHERS: Das kommt auf den Zusammenhang an. Die ersten Geschenke machte man den Göttern: Opfer, die man erbrachte, um - flapsig gesagt - gute Stimmung zu machen.

JOURNAL: Und unter Menschen?

MELCHERS: Schenken stammt aus einer Zeit, in der nicht jeder alles haben oder kaufen konnte. Heute ist das in unseren Breitengraden anders. Potentiell können sich die meisten sehr viel anschaffen und sind nicht existentiell auf das Geschenk des anderen angewiesen. Heute beschenkt man einen Menschen, wenn man ihn mag. Schenken ist eine besondere Situation, weil das Geschenk dem Alltag enthoben ist, vom üblichen Umgang miteinander losgelöst.

JOURNAL: Heißt Schenken denn Sehnsüchte erkennen, Bedürfnisse befriedigen, sich auf jemanden einstellen, ihn besänftigen?

MELCHERS: Wenn man mir ein Buch schenkt, das ich mir selber leisten könnte, aber drauf sparen müßte, würde ich mich freuen. Beschenkt ein sehr Reicher einen sehr Armen, ist es schwierig, das Gleichgewicht zu wahren. Bekommt ein Student einen Freßkorb, ist das sicher nicht nur Bedürfnisbefriedigung, sondern auch ein Zeichen dafür, daß man an ihn denkt. Ich würde Schenken unter Beziehungsaspekten sehen: Kommunikation unter Nahestehenden.

JOURNAL: Kann der Schenkende Lücken füllen, indem er sich fragt: Was leistet der andere sich nicht, wohin gehen seine Wünsche?

MELCHERS: Ja, wenn das unter Gleichen geschieht. Brisant wird es, wenn das Gefälle zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten zu groß ist. Dann kann es sein, daß der Beschenkte sich verpflichtet fühlt: nicht nur, sich zu freuen, sondern auch, ein Gegengeschenk machen zu müssen.

JOURNAL: Wünsche zu erfüllen ist schön. Aber muß man unbedingt schenken, was der Beschenkte haben möchte?

MELCHERS: Sicher kann ich Wünsche befriedigen, ich muß es aber nicht. Wenn sich etwa ein Kind ein Kriegs-Computerspiel wünscht - müssen die Eltern diesem Wunsch nachgeben? Ich denke nein, weil der pädagogische Auftrag Erwachsener nicht beim Schenken haltmachen sollte.

JOURNAL: Sind Geschenke womöglich auch Bestechungsversuche?

MELCHERS: Dann wäre es eine zweckgebundene Kommunikation, die nichts mit dem Menschen selbst zu tun hat, sondern mit seiner Funktion. Wenn das Geschenk instrumentalisiert wird, wird es auch der Empfänger. Wenn Kant recht hat, soll der Mensch als Zweck seiner selbst betrachtet werden, nie nur als Mittel oder Funktionsträger. Der Bauamtsleiter, der etwas genehmigen soll, wird nicht beschenkt, weil er ein so toller Mensch ist oder man ihn mag, sondern weil er eben der Amtsleiter ist.

JOURNAL: Muß man sich für jedes Geschenk bedanken - auch, wenn es einem nicht gefällt?

MELCHERS: Danke zu sagen, bevor man es ausgepackt hat, ist eine Selbstverständlichkeit, lebensklug und weise. Gerade wenn man es noch nicht ausgepackt hat, ist man damit auf der sicheren Seite. Kulturell muß man sich natürlich gefälligst freuen. Aber besteht eine echte Verpflichtung zur Freude? Ich glaube, nicht. Und kann man Freude erzwingen? Nein, die stellt sich ein - oder eben nicht.

JOURNAL: Es könnte auch falsche Freude sein.

MELCHERS: Oder echte. Unsere Konvention sagt: auspacken und freuen! Jedenfalls zu Weihnachten und am Geburtstag. Bei Hochzeiten, wenn man keine Muße hat, ist man wohl erst mal davon befreit. Im Prinzip darf man Freude als Schenkender zwar erwarten, aber nicht enttäuscht sein, wenn das Geschenk nicht ankommt.

JOURNAL: Was kann ein Schenkender tun, der beim Auspacken danebensteht und sieht, wie die Kinnlade des Empfängers herunterfällt?

MELCHERS: Wir wissen ja alle um die Tücken des Schenkens. Wenn es doch mal schiefgeht, könnte man die Sache am besten mit einem Witz entschärfen. Man freut sich ja auch häufig nicht direkt über das Geschenk, sondern über das Schenken an sich, die dahinterstehende Idee. Ich bin sicher, daß es nicht des Geschenkes bedarf, um meine Freunde meine Freunde zu nennen. Trotzdem würde ich sagen: Es fehlt etwas, wenn man nicht manchmal zu dieser kulturell eingeübten Form der Wertschätzung kommt.

JOURNAL: Also erhalten kleine Geschenke die Freundschaft?

MELCHERS: Das klingt wie: Ich schenke, um die Freundschaft zu erhalten. So meine ich es nicht. Für mich läßt sich Freundschaft nicht in einer Klammer zwischen Zweck und Mittel denken. Sie ist für sich selbst genommen schon der Sinn.

JOURNAL: Gibt es auch falsche Geschenke?

MELCHERS: Zumindest vergiftete: sie beschämen, und zwar dann, wenn der Beschenkte im Vergleich zum Schenkenden eine nicht ganz so stabile kulturelle Position wahrnimmt. Dann kann er durch die Größe des Geschenks nicht mehr angemessen darauf reagieren. Übersteigen Geschenke den bis dahin geltenden sozialen Rahmen völlig, hat der Empfänger keine Handlungsmöglichkeit mehr.

JOURNAL: Wie ist es mit einfachem Danke sagen?

MELCHERS: Wenn er nicht das Gefühl hat, sich dann adäquat revanchieren zu müssen. Wie reagiert man auf einen Millionen-Scheck, wenn man kein Millionär ist? Etwas anderes ist es, jemandem in Not zu helfen, etwa wenn Freunde 5000 Euro sammeln. Das wäre o.k.

JOURNAL: Wie findet man das richtige Geschenk?

MELCHERS: Wenn man das Gegenüber schon ein paar Jahre kennt, muß man da nicht lange überlegen. Bei mir ist es ein Buch, gut und Schluß. Ein selbstgestrickter Pullover erfreut mich nicht ganz so sehr. Angemessen ist ein Geschenk, wenn man die Interessen des Beschenkten fortsetzt und einem Tassensammler die 1001. Tasse schenkt. Oder etwas, das zu ihm paßt und in die ungefähre Nähe seiner Interessen geht.

JOURNAL: Müssen Geschenke überraschen?

MELCHERS: Ich glaube schon. Das Einpacken ist ja nicht nur ein Zeichen für das Herausgehobene, es soll den Empfänger noch in kurzem Spannungszustand halten und dann beim Auspacken in Freude versetzen. Vor allem, wenn man sich noch die Mühe gemacht hat, das Geschenk schön einzupacken.

JOURNAL: Das steigert seinen Wert?

MELCHERS: Ja. Geschenken haftet mehr an als nur das investierte Geld oder das Gefühl im Moment der Übergabe. Der Beschenkte merkt: Das war liebevoll überlegt, da hat einer sich Zeit genommen fürs Aussuchen und Einpacken.

JOURNAL: Inwiefern sind Geschenke Verpflichtung - zu Wohlverhalten, zu Gegengaben?

MELCHERS: In unserem Kulturkreis möchten viele Empfänger auch etwas schenken. Doch die Kunst des Beschenktseins ist es, anzunehmen, ohne daran zu denken, etwas zurückzuschenken. Freunde erwarten keine Gegenleistung. Die Art der Verpflichtung zueinander läuft nicht über Geschenke. Man beweist ja in den Zeiten dazwischen die Zuneigung.

JOURNAL: Ist es pietätlos, Geld zu schenken?

MELCHERS: Nein, warum?

JOURNAL: Weil es unpersönlich wirkt, und die Mühe des Aussuchens hält sich auch in Grenzen.

MELCHERS: Geld ist im weitesten Sinne erst mal ein Ermöglichungsmittel, und wenn man weiß, daß jemand sich eine bestimmte Reise, ein bestimmtes Lexikon wünscht, ist es o.k., wenn man Geld dafür schenkt. Denn es ist ja auch nicht nur das nackte Geld, sondern die Verwirklichung des Wunsches.

JOURNAL: Was schenkt man Leuten, die schon alles haben?

MELCHERS: Wer sich quasi alles selber leisten kann, wünscht sich häufig, Zeit ohne Druck mit Freunden verbringen zu können und ermöglicht selber an Geburtstagen das Zusammensein. Manchmal wird dann ein Philosoph geschenkt wie ich, etwas, was man nur zeitweise hat. "Denken schenken" nenne ich das. Zeit ist meiner Erfahrung nach das größte Geschenk, das man machen kann.

Interview: ALEXANDRA ZU KNYPHAUSEN





 
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